5.2.2010 | 11:45 von DonAlphonso

Was ich gerne mal lesen würde

(Man verziehe die Pause an der Blogbar, aber momentan nimmt mich mein Privatleben deutlich mehr als üblich in Beschlag, und irgendwo muss man Abstriche machen)

Es gibt einen Nachtrag zu diesem Überblick über das Versagen von 2009: Mich würde wirklich, allein aus fachlichem Interesse heraus eine Antwort erfreuen. Eine Antwort einer in der Blogosphäre weitherumgereichten Person, die als Spezialist für Bewegtbild im Internet gilt, was ich nicht ganz verstehe, weil seine Produkte meines Erachtens lediglich Bauchpinselei seiner Zielgruppe sind: Mario Sixtus.

Mario Sixtus betreibt bekanntlich “Blinkenlichten”, eine Firma für Internetvideos. Er hat auch oft eine nicht ganz kleine Klappe, wenn es darum geht, anderen Strategien - am besten mit Internetvideos - für das Netz zu empfehlen. Dafür gab und gibt es - teils gebührenfinanzierte - Kundschaft, aber eben auch einen Kunden aus der Privatwirtschaft: Die WAZ. Dafür machte Blinkenlichten die Reihe “Lostindeutschland“. Eine Serie, die der mauen Kommentarbeteiligung zufolge ähnlich gut ankam wie die üblichen WAZ-Blogs, nämlich eher schlecht. Das ist jetzt vorbei, bei Blinkenlichten steht:

Schön war’s, und wenn der Volksmund Recht hat, soll man dann ja bekanntlich aufhören. Das haben wir getan.

Wäre das Projekt rasend gut angekommen, oder so wichtig geworden, wie es gerne von Videos im Netz behauptet wird - dann hätte man es wohl kaum eingestellt. Insofern wäre eine Fehleranalyse vielleicht mal ganz nett, ein paar öffentliche Gedanken darüber, warum das Projekt weder inhaltlich noch ökonomisch so toll gelaufen ist, dass man da von “Zukunft” sprechen könnte - statt den dürren Worten vom Aufhören, wenn es am Schönsten ist. Das würde eigentlich dazu gehören, wenn man als ernsthafter Vertreter der Zunft gelten will, und nicht nur als Hypefigur, die plötzlich wortkarg wird, wenn es nicht so läuft, wie man das blumig andernorts behauptet.

28.12.2009 | 23:08 von DonAlphonso

Was 2009 nicht gekommen oder aber gegangen ist

Erstaunlich viele von Bloggern o. ä. mehr oder weniger gut angeschobene Projekte:

Wirtschaft2 - der geplante Wirtschaftsableger des “Medienbranchendienstes” Turi2 des Mehrfachpleitiers Peter Turi ist am 30.6.2009 mit dem letzten Beitrag vorstellig geworden. Seitdem schweigt das Projekt. Auch aus der am 9.11.2008 gross angekündigten internationalen Expansion und Mitarbeitersuche für einen internationalen Mediendienst ist nichts erkennbares geworden. Neue Produkte lassen noch auf sich auf sich warten. Ich vermute mal, dass meedia.de - das manche als Abschreibedienst bezeichnen, was aber meines Erachtens viel zu hart ist - den Markt inzwischen hübsch dicht gemacht hat.

Buzzriders - war für mich sowas wie die Überraschung des Jahres, denn ich hätte nicht gedacht, dass Robert Basic nach einem Jahr nicht mehr als den geplanten Verkauf seines Twitteraccounts zu vermelden hat. Für Internetgeschwindigkeit ist das ziemlich mau. Ein Jahr ist eine verdammt lange Zeit im Netz und für Robert - allerdings versucht AOL in den USA gerade was ähnliches, und ich bin mal gespannt, welchen Bullshit die Telekom im Netz versucht: Das sind die grossen Kaliber 2010.

Blogjournalisten - Disclosure: Ich habe mit den Betreibern Dotcomtod zu dem gemacht, was es war - es macht nicht gerade Spass, Projekte von Leuten verschwinden zu sehen, von denen man weiss, dass sie es eigentlich können.

Zoomer.de - kommt man darauf zu sprechen, geht es mir gleich wieder besser: Der Versuch von Holtzbrinck, sich an das vermutete Subniveau von StudiVZ-Nutzern ranzuschleimen, setzte zu tief unten an und wurde eingestellt.

Die Vorgänger dieser Pleite waren auf Papier und auch nicht erfolgreich - Holtzbrinck vertraute bei Business News und News Frankfurt auf einen gewissen Klaus Madzia. Der lässt seit ein paar Monaten nun durchsickern, mit seinem next247 “The online magazine about the future. all about the next big thing.” machen zu wollen. Man darf gespannt sein, ob das kommt, oder nicht, oder so wie andere Versuche. Für den madziatypischen Anspruch ist das bisherige Ergebnis eher, naja, auch irgendwo typisch.

Habe ich was vergessen?

Ach so, Adnation gibt es immer noch irgendwie, hört man. Aber nicht mehr viel. Kein Lobo, kein Haeusler und kein Niggemeier mag da noch gross was zu sagen, Professionalisierung und so.

Für 2010 habe ich übrigens mit der Onlineplattform der Zeitung Freitag einen klaren Kandidaten für wenigstens ein Ende vieler Bloghoffnungen. Ebenfalls wenig Chancen würde ich mir für die dümpelnden Web2.0-Projekte von derwesten ausrechnen.

14.12.2009 | 16:24 von DonAlphonso

Blog-PR das Maul stopfen

ist ganz einfach:

Hallo Herr xxxxxx,

mein Name ist Nicole K. und ich arbeite für eine Online T-Shirt Druckerei (Eine Klitsche namens shitway oder so ähnlich, Anm. d. Red.).
Im Zuge miner Öffentlichkeitsarbeit bin ich auf Ihren Blog gestoßen.
Ich finde Ihren Blog sehr interessant und wollte daher fragen, ob es möglich wäre ein Link oder ein Gastbeitrag zu positionieren, in dem wir unsere Druckerei vorstellen!

Viele Grüße

Antwort:

Guten Tag,

an welche Gegenleistung haben Sie dabei gedacht? Und welches meiner
Blogs meinen Sie?

Mit besten Grüssen

Danach keine Raktion mehr. Die Kommerzbloggerei muss ja echt abgefuckt sein, wenn nicht mal mehr Werbe-T-Shirts für Schleichwerbung angeboten werden. Kein Wunder, wenn käufliche Blogger alle so abgerissen aussehen.

12.12.2009 | 22:08 von DonAlphonso

Dieser Tage, da derWesten endlich rasiert wird

Ich muss Thomas Knüwer deutlich widersprechen: Bei DerWesten, dem Onlineportal der WAZ, stirbt keine Kultur. Bei DerWesten wird demnächst vermutlich ein misslungenes Projekt plattgemacht, weil dieser Versuch nicht mal ansatzweise in der Lage war, etwas zu werden, was man als Kultur bezeichnen könnte.

Es ist halt auch immer die Frage, wie man Projekte erlebt - ich persönlich wurde unter lächerlichen Umständen angesprochen, ob ich für die arbeiten wollte, anders sollten sich für 300 lunmpige Euro abspeisen lassen, und wem das zu wenig war, der durfte sich von der Chefin Sprüche anhören, dass sie trotzdem mehr als andere bezahlen würden - und wer nicht wollte, sollte es bleiben lassen. Und wer es doch wollte, wurde mitunter bald wieder gefeuert. Zur Erinnerung, die Chefin sagte noch vor Beginn des Projekts, als es das führende Web2.0-Angebot und das modernste aller Nachrichtenportale werden sollte:

wir werden hoffentlich möglichst viele motivierte freie Blogger beschäftigen können, die angemessen bezahlt werden, also nicht hier mit wie in anderen, von anderen Projekten bekannten irgendwelchen lächerlichen Beträgen abgespeist werden und ich möchte einfach Lesern die Gelegenheit geben sich zu beteiligen sei es durch Kommentare oder bloggen oder Photos oder Videobloggen oder sonstwas.

Super! Wobei es im Oktober 2006 auch hiess:

Das Ganze genieße, so Reitz, bis in die beiden Eigner-Familien höchste Priorität und es werde (ungewohnt für die als knauserig bekannte Gruppe) „richtig viel Geld“ in die Hand genommen.

Egal, womit die bei Thomas erwähnten, hohen Verluste des Portals entstanden: Ganz sicher sind sie nicht bei der Bezahlung jener Leute entstanden, die die rausgepusteten hohen Qualitätsansprüche liefern sollten. Die wurden bei derWesten nicht erfüllt, und schon gar nicht in den Blogs. Die Abrufzahlen des Ladens sind sicher nicht so schlecht, weil die Inhalte so gut sind. Wenn Thomas die teuren Berater beklagt, die jetzt an Bord kommen: Auch schon früher waren bei derWesten Berater nicht umsonst unterwegs. Das, was man jetzt vorfindet, von den laschen Blogs über die nicht funktionierende Communitybildung und das ungebrauchte Geotagging bishin zum Versagen, eine Dachmarke für eine Region zu schaffen - das ganze Desaster hatte drei Jahre Zeit, sich zu entwickeln, es hatte viele Möglichkeiten und viel Geld, und das, was es momentan ist, ist das Ergebnis: Von Anfang bis Ende durchgezogen, bis heute kaum verändert, nicht attraktiver, und immer noch Sammelstelle banaler Nachrichtentexte, die man so überall findet. Ein klein wenig Web2.0-Fassade. Und ganz sicher nicht die digitale Heimat einer Region, in der, weil man angeblich sparen musste, die Journalistenstellen massiv zusammengestrichen wurden.

Insofern ist derWesten ein typisches Medienprodukt unserer Zeit: Riesenklappe, Riesenansprüche, innovationsgeil bis zum Anschlag und bis in die Knochen minderwertig, banal und öde. Jetzt kommt mit Ulrich Reitz (siehe das “richtig viel Geld” oben) ein anderer Chef: Ich sass bei den Medientagen neben ihm, als er die Kündigungsorgie als Zeotungsrettung verkaufte. Der wird das Ding ohne jeden Zweifel massiv beeinträchtigen und verändern. Es wird, zumindest ist meiner Erwartung, eine miese Zeit werden, exekutiert an einem miesen Produkt. Hätte es bei derWesten nur ein paar der selbst formulierten Zielen erreicht, wäre es vielleicht besser. Ist es aber nicht. Es ist ein prima Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Aber vermutlich kratzen gerade in diesem Augenblick schon die nächsten vollmundigen Berater an den Verlagstüren bei inkompetenten Managern, um zu erzählen, dass Twitter der neue Journalismus ist, und Inhalt nicht mehr zählt.

8.12.2009 | 19:38 von DonAlphonso

Zwei Gruppen, denen ich angehöre, und die mich fassungslos machen

Das eine ist die SPD. aber von der bin ich das gewohnt.

Das andere sind die Blogger.

Weil, wir haben eine gelbschwarze Regierung, die gerade massiv auf dem Umverteilungstrip ist, massenhaft Fehler macht und nebenbei auch wirklich heftige Themen wie die Verlängerung von Atomkraftwerkslaufzeiten und mehr Truppen für Afghanistan fährt.

Beide Gruppen bekommen ihr Maul nur sehr begrenzt auf, die SPD, weil sie in einer Krise ist, und die Blogger, weil man sich entweder nichts verscherzen will (die Unfähigkeit, sich zur Wahl als Plattform zu verkaufen, wirkt da vielleicht noch etwas nach, gell, die Herren in Berlin), weil man zufrieden ist, dass die Internetzensur vielleicht doch nicht kommt und die neue familienursula auch twittert, oder weil man einfach keine Ahnung von den Zusammenhängen hat, wie schon bei der Finanzkrise. Hey! Regierungswechsel! Gelbschwarz! Da könnte man was machen.

Man kann es natürlich auch bleiben lassen. Bis zur nächsten Wahl sind noch vier Jahre hin, und wenn man bis dahin weiterlügt, dass Obama die Wahl durch Twitter gewonnen hat, glaubt einem das dann vielleicht auch irgendein Kunde mit Parteibuch.

26.11.2009 | 20:22 von DonAlphonso

Die Stöcke in den digitalen Ärschen

Was mir zunehmend übel in all den Debatten über das Internet im Allgemeinen und Blogs im Speziellen aufstösst: Jeder, der sich ein wenig mit dem Thema beschäftigt, erlebt tagaus tagein das übliche Problem aller evolutionärer Entwicklungen. Dass nicht alles ideal läuft, dass Sackgassen entstehen, eine mitunter absurde Gleichzeitigkeit modernster und scheinbar überkommener Formen, es treten Windbeutel auf und überplärren die Klugen, es wird gedrängelt und geschoben, und viele sind angenervt von jenen, die ums Verrecken vorne dran sein wollen. Das ist nicht ungwöhnlich, denn die Ablösung des Alten durch das Neue geschieht nicht in einem schnellen Umbruch, sondern durch das bewusste Diffundieren der Verteter des Alten in das Neue.

Und das geht in der Regel um so einfacher, je besser, schöner und sinnvoller das Neue ist. Die Vorteile einer Webcam, mit der ich daheim schauen kann, wie das Wetter am Tegernsee ist, habe ich meiner Mutter nicht erklären müssen. Aber Blogs? Twitter? Oh je.

Inzwischen kristallisiert sich ja heraus, wo die Reise im Digitalen hingehen soll: Zum omnipräsenten Echtzeitnetz. Zum Verschmelzen der Matri mit der Realität. Die Idee stammt aus der Mitte der New Economy und wurde 2002 vor allem von Handyanbietern propagiert, jetzt endlich soll es mal wieder so weit sein. Oder? Was haben wir denn als Vorreiter? Ein paar Werber, die sich verkriechen. Der eine hinter seiner Frisur, die anderen hinter Zombiebildern oder dem Zeug, das sie bei anderen Blogs finden, oder hinter Vorreiterrollen. Kennt jemand das reale Leben von Lobo, Haeusler, Walter, Weigert, Simon und Sixtus? pder bekommen wir da nicht bauch eine Echtzeit-Simulation?

Ab und zu dringt was durch, einer zumindest lässt sich auch mal von Microsoft bezahlen. Vor ein paar Jahren wollten sie alle auch mal hübsch mit dem Bloggen verdienen, was nicht so oll geklappt hat. Und soweit ich diese Leute kenne, wissen sie auch, dass es noch ein hartes Stück Arbeit wird, um die Massen dorthin zu bekommen, wo sie den Ton anzugeben meinen. Wer der den Weg in Frage stellt, bekommt schnell eins reingewürgt, sei es von ihnen oder ihren Handlangern.

Ich persönlich finde diese kognitive Dissonanz gar nicht so schlecht. Eine evolutionäre Entwicklung hat ja gerade den Vorteil, dass sie einen Weg als Ziel hat, und nicht ein Ziel. Irgrendwann bleiben solche Entwicklungen stehen, weil es vorne zu absurd, zu komisch, zu schräg wird, weil man dort nicht hin möchte. Ich vermute, dass die Protagonisten des Zielsystems durchaus wissen, dass es nicht für jeden geeignet ist. Vermutlich nicht mal für eine Minderheit. Vielleicht gerade mal für sie, ihre Freunde und die Cretins der Werbewirtschaft, die dafür zahlen. Vermutlich ahnen sie auch, dass Laut und Schrill und Anders nicht wirklich die Argumente sind, die man braucht, um von der Richtigkeit des Weges zu überzeugen - aber in der Sekte der Jasager ist es einfach angenehmer. Selbst wenn der Guru, wenn er es braucht, dann vor Firmenvertretern ein paar Gänge runterschaltet. Den Führerstock aus seinem Arsch rausnimmt, um flexibler in die Därme anderer Leute zu schlüpfen.

Gerade die deutschen Blogs kranken daran, dass die meisten bekannten Personen über solche Themensetzungen bekannt geworden sind. In anderen Ländern hat sich die Szene längst thematisch aufgefächert, aber in Deutschland haben wir es mit einem durch gemeinsame Interessen verfilzten Zirkel zu tun, der es nicht verstanden hat - oder es auch einfach nicht beherrscht - sich entsprechend neu zu justieren. Im Ergebnis redet man nicht mehr über Themen, sondern über die Technik, die Themen zu bringen. Oder wie man Medien die Technik verkauft, um die Technik für Themen zu thematisieren, am besten mit einem selbst als bezahlter Kraft. Oder wie blöd die Medien sind, dass sie nicht kapieren, wie wichtig es ist, über diese Technik zu reden. Und warum sie nicht kapieren, dass die Vorreiter recht haben, und wie sie es überhaupt wagen können, die Heilsversprechen in Frage zu stellen.

Was ins Selbstbild absolut nicht passt, ist der Umstand, dass man trotz Medienkrise selbst auch noch nicht weiter ist als 2003, und die wenigen Erfolgsbeispiele, die man bringen könnte - nun, das Bildblog hat seinen Focus verloren, die Entwicklung der Zugriffszahlen bei Blogs ist bestenfalls neutral, und die Angebote, einen einzukaufen, sind auch nicht mehr geworden. “Stützen der Gesellschaft” heisst ein Blog, das zeigt, wie ein Blog innerhalb eines Mediums ergänzend und erweiternd wirken kann, aber blöderweise ist das von mir geschrieben und vom momentan so arg verrissenen Herrn Schirrmacher, angeblich nur “Zaungast” des Internets, in der FAZ eingerichtet worden - die können es also kaum als Erfolgsgeschichte verwenden.

Evolution, Baby. Der Weg. Der Weg, den man auch gehen kann, ist nicht der Weg der Internetsektierer. Niemand sagt uns, dass das Allesjetztsofortundüberall das ist, was die Leute wollen, und ob es die Leute überhaupt gibt. Aber um das zu verstehen, muss man vielleicht mehr als nur eine Welt kennen. Innehalten, nachdenken, überlegen, anpassen, evolutionär sein. Statt dessen wird unisono geblökt, nur weil jemand es wagt, das Wachstum von Twitter zu bezweifeln oder, WELTUNTERGANG die weltverbessernde Wirkung von Gewaltspielen zu bezweifeln. Ich glaube nicht, dass diese Leute da die Zukunft sind, diese Zukunft hätten wir schon immer während der letzten 10 Jahre haben können, und sie war in der Masse nicht erwünscht. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, mal eine Bestandsaufnahme der Erreichten und Misslungenen zu machen. Wenn man weiterhin am Weg mitwirken will.

19.11.2009 | 11:16 von DonAlphonso

Idiotie als Chance

Ich sehe den Reizthemen “Leistungsschutzrecht für Verlage” und “bezahlte Inhalte” sehr gelassen entgegen. Es ist die freie Entscheidung der Verlage, wie sie mit den Texten, die durch sie veröffentlicht werden, umgehen. Und es ist die freie Entscheidung der durch Medienbeihilfe ins Amt gekommene Koalition zweier Klientelparteien, wie sie ihre Steigbügelhalter entlohnen.

Ich bin so gelassen, weil der Blick auf die Entwicklung des Verlegerwesens zeigt, dass es nichts bringt. Während die erklärten Hauptgegner der Verlage im Fall von Google eine einzigartige Erfolgsgeschichte schrieben und im Fall der angeblich klauenden Blogger, wenn es nicht gerade erklärte Inhaltelutscher und Aggregatoren sind, auch ohne Medien existieren - wer würde beispielsweise den Dreck klauen, den man in der Springer-Welt findet - haben die Verlage die letzten 20 Jahre nur an der Kostenfront in ihren Häusern Erfolge vorzuweisen. Das hat nur begrenzt mit dem Internet zu tun; die Menschheit hat sich einfach weiter entwickelt und möchte den Horizont nicht mehr durch schwarzbraube Verlegerpersönlichkeiten begrenzt sehen, die mit der Politik ins Bett steigen, wann immer es nützlich ist. Früher war das, was die Regionalzeitung schrieb, Gesetz. Heute ist das gerade noch mal bei den zurückgebliebenen Österreichern mit der Kronenzeitung so. Ansonsten hat das Internet - und nicht allein Google - den Zerfall dieser Bindungen beschleunigt. Heute sind die meisten Verlage hocheffiziente Kostenstellen, deren Mitarbeiter nach 20 Jahren Entrechtung und Entlassungsrunden oft gar nicht mehr wissen, warum sie in den Journalismus gegangen sind.

Die Erfahrung aber lehrt, dass hocheffiziente Firmen auch nichts bringen, wenn man sie sich den Markt neu erschliessen müssen. Mit den neuen Strategien stehen die Verlage vor neuen Herausforderungen, denn sie müssen etwas bieten, wofür man zahlt, und sie müssen damit rechnen, dass Google, das damit angegriffen werden soll, bislang immer einen Weg gefunden hat, auf Märkten aktiv zu werden, die andere abschotten wollten. Sprich, wenn bezahlte Inhalte Geld bringen sollen, müssen Verlage mit ungewissem Ausgang in bessere Inhalte investieren. Es muss besser sein als E-Paper, es muss besser sein als die Blogs, die sie bislang betreiben und besser als der Müll, den Newsdesks kostenoptimiert verbrechen. Entweder es wird teuer. Oder schlecht. Vielleicht sogar beides.

Aber es lässt Freiräume. Wer mit Bezahlschranken Mauern im Internet baut, gibt Marktanteile auf. Die Bindung der Leser an Onlinemedien ist so miserabel, dass die meisten eben nicht zahlen werden, sondern Alternativen suchen. Diese den Verlagen wegbrechenden Leser sind ein Markt, von dem man profitieren kann. Ob das jetzt nur Spiegel Online ist, die sich sicher schon über steigende Leserzahlen freuen, oder ob das auch Blogs sind, liegt an den Bloggern selbst, und ihrer Fähigkeit, Alternativen anzubieten. Verlage, die unter das Leistungsschutzrecht fallen, sind ja nicht die einzige Quelle, die man erschliessen kann. Und mit dem Abschotten von Medien und fallenden Nutzerzahlen wird auch ein Teil des Werbemarktes frei. Kurz, das sind eigentlich wirklich gute Zeiten, wenn es sowas wie gute Blogs mit Breitenwirkung in Deutschland gäbe, und nicht nur den den immer gleichen netzaffinen Schrott, den Carta, Turi, Netzwertig und andere so rausblasen. Wenn die “Szene” etwas geschaffen hätte, das in die Lücke stossen kann - aber man soll die Hoffnung bekanntlich nie aufgeben.

Vermutlich aber wird es mal wieder Google nutzen. Sollten die Verleger wirklich, wie angekündigt, Google ausgrenzen und Microsoft einen exklusiven Deal anbieten, zeigen sie auch diesmal wieder, dass sie nichts verstanden haben: Sie sind nach globalen Massstäben zu klein. Deutsche Medien können am Ende der Fahnenstange der deutschen Lobbywirtschaft die Stiefel lecken und der Politik den Steigbügel halten. Global betrachtet sind sie irrelevant. Und der Dreck, den sie bei Google News abkippen - wie billig man den machen kann, zeigen sie selbst. Sollte Google auf die Idee kommen, statt der verhinderten Suche von Inhalten eine Mischung anzubieten aus Medien, die aus der Verlegerfont ausscheren, und selbst erstellten Inhalten, könnte es spannend sein zu sehen, was Lesern näher liegt: Blattbindung oder Bindung an die Geldbörse. Zumal Google noch nicht mal angefangen hat, die aktuelle Version von Google News aktiv zu bewerben. Da sind noch viele Potenziale.

Im Kern aber muss ich sagen: Jedes Stück von Springer und Murdoch, das hinter einer Bezahlwand verschwindet, steigert die Qualität des Internets. Also, sperrt Euch ein! Baut möglichst hohe Mauer! Und krepiert dahinter! Es wird unser aller Schaden nicht sein.

12.11.2009 | 9:33 von DonAlphonso

Die Süddeutsche Zeitung mal wieder mit Blogs

Abgesehen davon, dass sie immer noch das widerlichste Trashportal aller höherwertigen Tageszeitungen im Internet betreibt (gut, es gibt davon ohnehin nur zwei in Deutschland, aber sie ist wirklich mies), und abgesehen von den enormen wirtschaftlichen Problemen der Medienholding hinter ihr - muss man zugeben, dass die Süddeutsche Zeitung lernfähig ist. Denn dominierte beim ersten Versuch noch der Claim “quick and dirty” (und obendrein auch grosskotzig), mit den bekannten Folgen, und gingen weitere Versuche wie etwa mit einem Musikblog schnell wieder unter, kommt jetzt die dritte Welle der Blogentwicklung. Und sie ist besser als vorhergehende Versuche.

Was mir daran (bislang) gefällt: Die SZ setzt eigene Akzente. Sprich, sie rennt nicht einfach den simplen Ideen nach, die bislang die meisten derartigen Versuche bevorzugten, dem üblichen Dreckfressen und -ausscheiden der Medien- und Glotzenblogger etwa, oder Fussball- und Wahlblogs, oder was an eingängigen und massenkompatiblen Themen sonst noch andernorts in Blogs - und oft auf niedrigem Niveau bei der SZ selbst - verbraten wird. Wer den miserablen Münchenteil der online-SZ kennt, wird sich über ein Blog mit Kulturberichten aus der Stadt sehr freuen. Ein englisches Blog über Umwelt dagegen beäugt einen grossen Markt, und ist zudem etwas, das thematisch in der deutschen Landschaft bislang gefehlt hat.

Die anderen Blogs - nun, das Blog über Medien und Politik ist mal ein anderer Ansatz als typische Medienblogs, die sich auf das Nacherzählen und Kritisieren von dem kaprizieren, was andere Medien tun oder lassen. Aber, wie so oft in diesem Themenbereich, gibt es schon innerhalb der Blogosphäre genug andere, die das Feld auf unterschiedlichste Art beackern, und obendrein hat die Zeit für ihr Online/Offline-Blog schon eigene Akzente gesetzt.

Heutigentags ist es ja üblich, die Hauskost der Verlage mit zugekauften Spitzenköchen der Blogosphäre aufzuwerten, wenn die eigenen Pfannenschubser nicht so toll waren, denn ausser Thomas Knüwer beim Handelsblatt kam dabei selten etwas wirklich Überzeugendes heraus; die Welt hatte mal Don Dahlmann, und die Zeit lässt jetzt Markus Beckedahl bei Online/Offline agieren. Von derartigen Bestrebungen der SZ habe ich noch nichts gehört; das mag in der klammen Finanzlage begründet sein, meinen schlechten Ohren oder aber auch dem Umstand, dass die letzten Kaufversuche nicht eben angetan waren, Vertrauen in so ein Vorgehen zu haben - Süddeutsche.de ist gross im Anhören von Ideen und sehr klein im Einhalten von Zusagen.

Insofern wundert mich dann doch etwas der Ansatz der hauseigenen Edelfeder, die jene Lücke füllen könnte: Ein erstaunlich schwach und meines Erachtens lustlos geführtes Blog kommt von Adrian Kreye, der schon vor Urzeiten im Protoblog “am Pool” mitwirkte. Kein Focus, keine eigenen Akzente, keine Tiefe, und dann auch wieder Abwanderungen in das Seichtgebiet der Bildmedien.

Was in meinen Augen generell eine Schwäche ist - aber da unterscheiden sich die Blogs von Medien untereinander nicht, und auch nicht von vielen normalen Blogs - ist der Umgang mit Bildern, die irgendwoher zusammengesucht werden. Ich denke, es ist für das Einfühlen in Blogs und die Person des Bloggers wirklich wichtig, die Welt auch mit seinen Augen zu sehen, aber in dem Punkt dominiert bei allen Profimedien die grosse Faulheit. Vielleicht muss einfach noch mehr Medienkrise kommen, damit die Leute nicht mehr nach dem Bildredakteur quäken. Trotzdem ist es erstaunlich, wenn man in einem Blog noch liest, dass der Autor etwas ablichtet - und nicht mal das Bild im Blog bringt. Und das in Zeiten der Digitalkameras. Immerhin kann man jetzt bei der SZ rund um die Uhr kommentieren! Hey! Fortschritt!

Bleibt die Frage: Kommt die Süddeutsche damit weg von ihrem trashigen Klickstreckenimage? Und kann sie damit neue Leser angeln, also wirklich Leser und nicht nur Klickdeppen? Ich will mir da noch kein abschliessendes Urteil anmassen. Immerhin kommen die Blogs diesmal nicht mit der “Platz da jetzt komm ich”-Attitüde der von Bernd Graff und Co. verbrochenen ersten Versuche daher. Die Chancen stehen also besser. Vielleicht, das würde ich zumindest für möglich halten, versöhnen diese Blogs ein paar Leser, die sich von Süddeutsche.de angeekelt abgewendet haben. Für das Neukundengeschäft sind sie meines Erachtens nicht gut genug, da fehlen noch kluge Blogs mit spitzen Zielgruppen - was sich im Übrigen leicht niederschreibt, aber verdammt schwer umzusetzen ist.

Offenlegung: Ich schreibe so ein kleines Blog mit spitzer Zielgruppe bei der FAZ.