11.3.2010 | 7:55 von DonAlphonso

Tretet Sie zurück ins Virtuelle!

Die Pinscher und Cretins meine ich, die jetzt wieder mit location based services aus ihren virtuellen Web2.0-Löchern gekrochen kommen.

Ist es nicht zu herzig? Da predigen diese selbsternannten Experten jahrelang von der dämlichen Kohlenstoffsphäre, da sollen Geschäftsmodelle rein virtuell funktionieren, da soll das Crowdsourcing allein im Internet stattfinden, weil sich dort all die klugen Leute - so klug wie sie selber - treffen. Jahrelang wird weissgottwas erzählt von wegen, wie wenig man eigentlich noch die Welt braucht, wenn man online ist. Schliesslich gibt es virtuelle Welten und Communities, den versifften Kaffeebecher kann man sich gerade noch leisten, und der Pr0no kommt aus der DSL-Buchse. Und wenn man nur lang und laut genug sendet, findet man sicher auch Leute, die einem followen. Tausende! Dagegen ist Realität echt eklig, die kann man ja nicht photoshoppen.

Und nach vier, fünf Jahren stellt man fest, dass es für den Dreck weder valide Geschäftsmodelle gibt, oder einen Massenmarkt, dass sich hier nur ein paar PRler, Werber, Fortschrittsdeppen. Fasler und Ringelreihenrunterholer zusammen wiederfinden, während die restliche Welt jetzt nicht so arg scharf drauf ist, diesem Ideal nachzueifern. Wäre man gemein, könnte man den Pinschern sagen: So, wie die Zeitungen flennen, dass ihnen die Leser davonlaufen, so grölt Ihr Gesocks nach den gleichen Nutzern, die keine Lust haben, sich von Euch die Tupperwareparty zugunsten der Firmen, die Eure Kunden sind, anzutun.

Und nachdem man nun mit so ziemlich allem nicht wirklich irgendwo angekommen ist, ausser dem Wichserzirkel, in dem man ohnehin schon immer war, denkt man nach: Wohin gehen wir jetzt? Aus der Agentur wurde nichts, aus dem Profiblog wurde nichts, Podcasts kann man nicht mehr verkaufen und Twitter ist auch nicht gerade die Rettung der DAX-Konzerne. War da nicht mal sowas wie diese, äh, Kohlenstoffwelt? Wo andere rodeln, reisen, Spass haben und vielleicht sogar echte Frauen kennenlernen, die nichts kosten ausser einem, wie heisst das nochmal, dieser Reality-Chat, richtig, Gespräch? Was so viele Leute tun, die nicht das tun, was man ihnen als Zukunft andrehen wollte? Ist das nicht ein Markt für die Kunden, die man beraten kann?

Und so werden wir in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten nicht nur jede Menge Ergänzungen von Software sehen, die alles und jedem erzählen, wo die Nutzer sich gerade aufhalten, nein, das Web2.0-Pack wird uns auch erzählen, dass es für die Realität einen enormen Mehrwert hat. Weil wir immer wissen, wo unsere Freunde sind, was ja in Berlin nicht unwichtig ist, weil das Prinzip Arbeitsplatz dort nicht so cool ist. Sie werden behaupten, sie kämen aus einer sauhippen Sphäre und hätten die auch voll dabei, jetzt, wo sie wieder in der Realität gelandet sind. Sie sind nicht nur Realität, sondern auch Überrealität, und nicht nur mensch, sondern auch Übermensch.

Sie werden ihre Mobilgeräte zücken und checken, ob ein anderer Depp in der Nähe ist, der das bestätigt und sie dafür nicht auslacht. Sie werden uns vom Vergnügen der von der Virtualität überbrückten Realität erzählen, und in Rom auf ihr Display starren, wenn andere den Vatikan betrachten, und linsen, ob sie jemand beobachtet, dem man dann erzählen kann, wie verdammt cool das ist - und dabei leider auch noch den LKW entdecken, der sie beinahe kohlenstofflich platt gemacht hätte. Wenn jemand ihrer Bekannten twittert, dass er gerade über die Device gemerkt hat, dass er in der Nähe ist, bekommen sie einen Orgasmus und werden noch ein wenig schmutziger.

Im Internet, bäh, wollten alle immer nur Knuddels und Diddlmäuse und kwiken und bitchslappen, da waren sie jetzt nicht so mörderisch cool mit ihren Ideen, bei deren Erklärung sie stets Luhmann sagten, dann noch Radiotheorie und dann ihre Geschäftspartner und Freunde verlinkten, wenn sie etwas beweisen wollten. Aber diese Kohlenstoffsphäre, da kann man sich sicher grandios mit denen connecten, die noch gar nicht wissen, was es da an tollen Möglichkeiten gibt! Und sie sagen nur: Luhmann! Systemtheorie! Hassemalneurofürdöner? (Und war es nun Luhmann oder nicht doch englisch, Lumähn?)

Und so werden sie uns demnächst erzählen, wie lame unser bisheriges Dasein war, so ganz ohne virtuelle Interpreation der Realität, ohne Metarealität in Echtzeit, Echtzeit, das muss man sich mal vorstellen! Echte Echtzeit, das ist ganz wichtig. Und das dann immer gleich für das Netzwerk faven und retweeten, damit es auch jeder weiss und seine Kohlenstoffexistenz entsprechend ausrichten kann. Denn wie cool ist es, wenn alles und jeder weiss, was man auch weiss, und das alles zusammengenommen ist so verdammt viel klüger und informativer und löst alle Probleme schneller, als man es sonst je könnte. Scheiss auf Bildung, scheiss auf das Bücherlesen, scheiss auf das Verreisen mit gebildeten Freunden, wie geil ist es, wenn einem immer einer aus der Wikipedia sagen kann, was man gerade sieht. Klar, Kontrollverlust, aber es ist doch geil, man gewinnt dadurch, und alle Freunde aus dem Netzwerk sehen das auch so und retweeten. Und wenn man selbst mal in Bayern ist, schickt man von der mobile device 140 Zeichen an jemanden, der einen noch nie gesehen hat, und möchte mitsamt Freundin auf sein Sofa. So geht das (Oder auch nicht, wenn man den Trick als Michael Seemann bei Don Alphonso probiert, der das extrem unhöflich findet).

Jetzt muss man der Kohlenstoffsphäre nur noch klar machen, dass sie viel besser leben, wenn sie immer wissen, was andere wo und wie getan haben, und dass die Informationen aus dem Internet auch wirklich die relevanten Informationen sind. Sauspannend wird es auch, weil es dort viele PR-Aktionen gibt, die von tollen Freunden gemacht werden! Lame Bedenkenträger, die darauf hinweisen, dass man ein nur asozialer, arbeitsscheuer Cretin auf Transferleistung mit dem nächsten dummen Hype ist, werden einfach mit dem nächsten Beitrag weggespült, man hat ja das Internet und viel Platz und noch mehr Retweeter, und Luhmann hat man auch, der kann sich nicht mehr gegen die Vereinnahmung von solchen Figuren wehren.

(Speichern, ausdrucken, auf Marmor meisseln lassen und bei Gelegenheit dem Pinscher in Echtzeit in die Fresse kloppen und dann twitpicen. Weil: Luhmann! Steht genau so in der Systemtheorie! Oder war es nicht doch Wales? Hat das nicht mal der Sixtus getweetet? Irgend sowas.)

1.3.2010 | 10:44 von DonAlphonso

Kurze Ansage

Nachdem es jetzt sogar unter “socialmediascan” so eine Art Retweet-Spammodul bei Twitter zum Nachplappern einer gewisse Art Grossmäuler der Beraterszene gibt, möchte ich hier in Abwandlung eines alten Spruchs nur kurz festhalten:

Nicht alle Twitternutzer sind Social Media Beratungsheinis, aber so alle Social Media Beratungsheinis sind bei Twitter.

Tatsächlich glaube ich, dass das elend hohe Aufkommen von solchen Leuten bei Twitter eine der Ursachen ist, warum das Ding kippen wird: Weil es im Gegensatz zu Blogs, wo diese Witzfiguren nur eine Nebenrolle spielen, bei Twitter in einer Art und Weise dominiert, die zu wenig an Kommunikation und zu sehr an Hamburger Fischmarkt mit angeschlossener Genitallutscherei erinnert. Weil Twitter solche Machsmirundichmachsdir-Phänomene zu einfach macht, weil es den Heinis mit der Beschränkung auf ein paar Zeichen und kurze Behauptungen entgegen kommt, weil die Aufmerksamkeitsökonomie dieser Lachnummern deckungsgleich mit der Aufmerksamkeitsökonomie von Twitter ist. Bin ich der einzige, der den Eindruck hat, dass da vor allen Bulletpoints einer 24/7-Präsi naturgeprallt wird?

26.2.2010 | 15:19 von DonAlphonso

Lustiger Zufallsfund

Die neuen Mitleser aus der SM-Branche, die in Blogs etwas herumkommen, werden es vielleicht schon vernommen haben: Ein gewisser Jemand schreibt gerade in manchen Kommentaren etwas von einem juristischen Vorgehen gegen mich. Was mich a wengal erstaunt, ist seine Behauptung von sich selbst, “Jurist” zu sein. Keine Ahnung, ob das so stimmt, jedenfalls arbeitet er in der PR und scheint von aktuellen Fragen des Presserechts nicht so rasend viel Ahnung zu haben, sonst würde er kaum per Twitter andere danach fragen. Sowas ist natürlich wiederum gefundenes Fressen für meinen Anwalt, und ich schaue mich so nach Material um und -

finde zufällig eine Präsi, die der Mann vorgelegt hat. Darauf ist ein Bild zu sehen, wie sich Mediennutzung in den letzten Jahren entwickelt hat und sich weiter entwickeln wird: Für Zeitungen schaut es dabei grottenschlecht aus, die sollten 2010 schon fast nicht mehr wahrgenommen werden - allenfalls 10% stehen da bei Magazinen und Zeitungen zusammen zu Buche, Blogs, Social News und social Networks sollten ebenso stark frequentiert sein. Nun habe ich aber in die Szene der Social Media Beratung (grässliches Wort) ja durchaus so meine Kontakte, und was ich vor allem in den letzten Tagen gehört habe, klang so: “Derunder hat Deinen Beitrag in der FAZ gelesen und…”
Ich so: “Papier oder Internet?”
SM-Berater so: “Papier, und wollte wissen…” oder “hatte eine Kopie von jemandem und wollte…”

Was ich irgendwie überhaupt nicht gehört habe, war “Derundder hat das online gelesen und…” Obwohl die Zugriffszahlen bei FAZ.net dem Vernehmen nach äusserst gut gewesen sind, und die typische Welle durch alle Kanäle schwappte. Und ich hätte eigentlich auch erwartet, dass der grosse Schwung des Zweifels an den darin vorgestellten Methoden mit dem Internet und dessen Verbreitungsmöglichkeiten kommt.

Erstaunlicherweise war es aber genau andersrum. Der Onlineartikel, der einen Tag später erschien, erwischte (und erwischt immer noch) ziemlich viele Leute aus der Szene recht kalt, aber der Printartikel war das, was von ihrer Gegenseite rezipiert wurde. Das heisst nicht, dass jetzt alle Verträge gekündigt werden, aber, sagen wir es nett, einige Leute hatten die Möglichkeit, ihre Kompetenz in Sachen Kommunikation bei der Kundenpflege unter Beweis zu stellen. Ich weiss nicht, ob die ideale Antwort nun das Rumgiften und Spammen auf allen Kanälen und Linsen nach anderen Idioten ist, die sich auch in Verfahren verheizen lassen möchten - vielleicht sollte die Branche das einfach als Lektion mitnehmen: Während sie selbst längst den neuen Hype ausruft, ist die Kundschaft offensichtlich trotz Internetbereitschaft noch immer ziemlich papierverhaftet, vielleicht auch aus guten Gründen. Und ich glaube nicht, dass nur Entscheider die Bremser und Internetnichtversteher sind. Ich würde eher darauf tippen, dass heutzutage jeder im Internet mitnimmt, was ihm gefällt, und die besagten Berater einfach in eine Ecke ziehen wollen, deren Bedeutung und Entwicklungschancen sie zumindest im Moment ebenso falsch einschätzen, wie mancher die Probleme, die er bekommen kann, wenn er den Mund in Sachen Klagen öffentlich zu weit aufreisst. Ich glaube, es ist wirklich sinnvoll, sich mal wieder bewusst zu machen, was für eine kleine Nummer dieses Social Media innerhalb der möglichen Kommunikationsstrategien ist, und wie sehr das zurückschlagen kann.

Mal ganz abgesehen davon, dass eigentlich jeder um die enormen Defizte in der Branche weiss, und der Klügere im Moment eher dazu tendiert, in dieser Stimmung die Qualitäten seinen sozialen Handelns nach vorne zu stellen. Auch das fand ich sehr enteressant - wie manche gar nichts sagten, jemand eine Gegendarstellung wollte (und dann darauf verzichtete, als seine eigenen, bestätigenden Aussagen vorlagen), andere eifrig darauf hinwiesen und ziemlich viele etwas betonten, so in etwa “Mich meint er damit nicht, weil ich ja sage, dass er nicht unrecht hat” - aber dann doch nicht so mutig waren, sich mal offensiv mit den diversen schwarzen Schafen auseinanderzusetzen. Das fehlt bis heute komplett. Meines Erachtens, weil die Szene am Ende zu dicht beisammen hockt und keiner den ersten Stein werfen will.

Wir werden das weiter beobachten. Und berichten.

21.2.2010 | 8:54 von DonAlphonso

Internetkompetenz eines Netzwertig-Autors

Ich sage offen, dass ich von jenen Seiten, die laut und intensiv für eine möglichst internetlastige Zukunft trommeln, wenig bis nichts halte. Das liegt vielleicht an meiner Beschäftigung mit den italienischen Futuristen und D’Annunzio, bei denen die Maschinenliebe erst in Kriegsbegeisterung und danach in totalitäre Ideologien umschlug. Anfangs des letzten Jahrhunderts waren Maschinen zwar eine Erweiterung der Möglichkeiten, aber auch nicht mehr, aber schon damals verstand man die Maschine als Mittel, die Herrenrasse auszudrücken, während die Rasse selbst auch eine geistig überlegene Maschine mit einem Genie an der Spitze war, der sich der einzelne unterzuordnen hatte. Das Internet ist im Vergleich zur Mechanik vielleicht nochmal eine Stufe übler, weil es nicht nur dazu verleitet, Leistung und Kraft an die Maschine zu übergeben, sondern das Denken, denn es ist ja alles so leicht - nicht besser, aber leichter. Der Retweet bei Twitter ist so ein “Ich denke und schreibe im Kollektiv mit”-Ding, eine ziemlich andere Kommunikationsart, die man im realen Leben nicht tun würde, die aber ein Kennzeichen der Kommunikation mit diesem Werkzeug ist.

Ich kann also mit Fug und Recht sagen, dass ich schlechte Laune bekomme, wenn ich die neuesten Ergüsse der Netzwertig-Kreise und angeschlossener Kuhfladenabsonderer lese, sei es wege ihrer Internetgläubigkeit, sei es wegen der Abwesenheit jeder Argumentation in ihren Ausflüsse, ausser vielleicht, dass irgendein Amerikaner was Ähnlichen behauptet. Besonders schlecht aber ist meine Laune, wenn sich die angeblichen Vorreiter, die Deutschland “in ein Entwicklungsland degenerieren” sehen und ihm mitteilen, was noch alles auf dem Weg zur Netzgesellschaft nötig ist, sich selbst auf ihrem Lieblingskanal dann so äussern (retweeten verbessert meine Laune übrigens auch nicht):

Morgenpenis ist Gold im Mund. Ladies?

“Redakteur bei Netzwertig” nennt sich Marcel Weiss, der Mann, der weiss, was Deutschland braucht, um im Netz voranzukommen. Sieht nach grandioser Internetkompetenz aus, wenn da einer raushaut, was ihm so alles einfällt, Hauptsache es steht irgendwo und kann von den Followern gelesen werden. Vielleicht retweetet es auch jemand und denkt: Hoho. Lustig! Der Weiss, der ist eine Type! was haben wir gelacht!

Ich aber muss sagen: Ich möchte mein Internet nicht von so was repräsentiert sehen. Überhaupt fände ich es nett, wenn man bei dem Thema klug und mit nachweisbaren Thesen jenen begegnen würde, die man zu überzeugen wünscht, dass das Internet kein schlechter Ort ist. Aber mit Typen wie Marcel Weiss an der vordersten Front der Propagandierenden kann man sich das vermutlich einfach sparen.

18.2.2010 | 0:25 von DonAlphonso

Schelme wie Ihr

Vielleicht noch ein paar Ergänzungen zu meinem FAZ-Text. Man ist ja in der FAZ, da kann man gewisse Dinge amüsant und diplomatisch sagen. Hat auch seinen Reiz. Hier ist die Blogbar. Hier ist es anders. Und nachdem jetzt ein
paar Stinker rumlaufen und winseln, ich wäre doch auch ein Berater oder bräuchte das, um mich abzureagieren - abreagieren, Ihr Versager, ist was das hier:

Ich habe 2003 aufgehört, Firmen was zu erzählen. Ich habe mir damals wirklich viel Mühe gegeben, ziemlich viele Gründer der New Economy waren und sind Freunde, man versucht, was man kann, man sieht nicht gerne seine Freunde auf der Strasse stehen, es macht keinen Spass, wenn die, die man ausgebildet hat, Nachts um Drei mit einem Tablettenproblem klingeln, weil sie nicht mehr heim können und nicht wissen, wie sie ihre Schulden loswerden. Ich habe das in einer wirklich üblen Zeit in einem schweren persönlichen Umfeld gemacht, und ich war kein windelweiches Haschipopperl wie all die Freaks und Lachnummern, die jetzt social media machen. Ich weiss, wie Beratungsprozesse vor sich gehen, ich kenne sie von die Tücken von der Evaluation aufgrund unvollständiger Daten und Lügen über besserwisserische Gründer und VCs, die einfach ein wenig Geld verbrennen können, um sich nachher rauszuwinden, sie hätten ja auch einen Berater bezahlt, bishin zu Implementierungen, die zu jenem Zeitpunkt als Erfolg verkauft werden, da noch niemand die neu geschaffenen Probleme erkennt, die durch die fehlende Harmonisierung mit dem Rest des Betriebes entstehen.

Vom 1999-2003er Standpunkt aus ist social media Beratung ein feuchter Dreck. Weder geht es um einen Wirtschaftszweig, noch um dauerhafte Strukturen für Börsengänge, noch um komplexe Wachstumsprozesse, die für alle Beteiligten eine enorme Herausforderung waren. Nochmal, wer damals nicht dabei war, sollte besser sein Maul halten, wenn es um Beratung geht.

Social Medie Beratung ist ein feuchter Dreck, weil es um nichts anderes mehr geht, als das weiterwursteln. Das Hangeln von Auftrag zu Auftrag, das Anbieten kleiner Lösungen, das Bohren von kleinen Löchern in Geldtanks, um kleine Bereiche grosser Konzerne. Beratung war früher mitschuften in den Bereichen, in denen es brannte, social media Beratung ist das Daherreden cooler Sprüche vor Ahnungslosen, die irgendwo gelesen haben, wie cool das alles sein soll. Social Media Beratung ist ohne grosse Strukturen möglich, man muss nichts gross durchrechnen oder Hand in Hand mit Juristen arbeiten, man ist nicht eingebunden, sondern macht sein neues Eckerl in der Firmenstrategie und sagt, dass es schon irgendwie laufen wird. Diese bescheuerte, mit Verlaub, Tweetacademy ist das beste Beispiel für diese peinliche Grütze, ich sass im November mit Nicole Simon auf dem Podium, drückte dem allgemeinen Beraterklüngel ein Ding nach dem nächsten rein und kam damit kaum durch die wolkigen Sphären des Beratersprechs Strategie Englisch Scheissdreck Blabla. Da muss man erheblich gröber werden, als es auf einem Podium möglich ist, auf dem man nur eingesprungen ist.

Ich hätte in meinem Beitrag auch noch andere Namen aus anderen Regionen als non best practice reinschreiben können. Es gibt da einen gewissen “Mirko Lange” aus München, der sich in diesem Umfeld kräftig nach vorne drängelte und im Fall der gescheiterten Vodafone-Kampagne seinen Namen oft in den Kommentaren als Verteidiger der Sache lesen wollte. Keine Ahnung, was der im Bereich social media machen will, aber nach seiner Interneterscheinung fehlt mir jede Erkenntnis, was der mit “social” zu tun haben will. Brrrr. Klaus Eck of Brokat Infame ist auch so eine bestimmte Nummer, um mal in München zu bleiben, oder Alex Wunschel mit seiner eher indezenten Zukunftspodcastversprecherei, oder der neuerdings wieder über Twitter auftauchende Michael Praetorius, den man mal zum Thema Nettuner befragen kann, wenn man ihm die Röte ins Gesicht treiben will. Wobei ich keine Ahnung habe, ob es das bei diesen Leuten überhaupt gibt.

Wie gesagt: Ich berate keine Firmen mehr. Würde ich Firmen beraten, würde ich ihnen vor allem erst mal sagen, was von den anbrandenden Experten oder was sich dafür hält definitiv nicht brauchen. Ich würde mir das wirklich kompetent nur im Bereich von Blogs anmassen, und das auch nur, weil ich selbst bewiesen habe, wie man ein erfolgreiches Profiblog mit Leserbindung und Diskursangebot umsetzt, und was man besser heute als gestern dicht macht. Ich denke, ein Berater sollte bewiesen haben, dass er selbst die Ziele erreicht, die er anderen verkauft. Und nicht andere zu etwas beraten, was er nicht auf die Reihe bekommt.

Generell, und das ist nun mal meine gelebte Erfahrung jenseits solcher Kreise, glaube ich einfach nicht, dass Menschen Lust darauf haben, sich von Firmen anfaseln zu lassen. Oder bekehrt werden wollen. Oder sich zu Agenten machen lassen möchten. Das mag bei den Kreisen, in denen sich die Gschaftlhuber formieren, anders sein, aber Kokaindealerstammtische und Callcenterbetreiber sehen in ihrem Treiben auch kein Problem. Ich bin einfach der Meinung, dass dieser ganze Krempel nur sehr begrenzt was im Zwischenmenschlichen verloren hat:

1. Die Menschen wollen das nicht in ihrer Kommunikation, und was für ein ungehobelter Cretin muss man eigentlich sein, um das nicht zu akzeptieren? Würde ich einer von denen auf die Strasse stellen und zwei Menschen, die sich unterhalten, für einen Kunden anfaseln? Und müssten sie sich wundern, wenn sie am Abend mit eigeschlagenem Maul im Krankenhaus lägen?

2. ist die Welt in den letzten Jahren ohnehin viel zu voll von den Würmern geworden, die uns bis in die letzten Bereiche des Lebens nachkriechen. Und das betrifft bitte auch jene Herrschaften, die davon reden, dass man nur zuhören will. Es geht Euch Würmer einen Scheissdreck an, geht von mir aus nach Syrien.

3. ist es fein, eine Firma so zu gestalten, dass die Menschen mit ihr reden wollen, In Kreuth zum Beispiel hockt ein fanatischer Rodelbauer, der tolle Produkte herstellt und für diesen Beruf lebt. Mit dem möchte ich gerne mal reden. Ich. Mit ihm. Wegen der Produkte. Aber nicht, weil es ein paar Asoziale bezahlt, die morgen für Slipeinlagen sprechen.

Wenn man also Firmen beraten will im Bereich social media, muss man ihnen nahebringen, dass das Wort “sozial” bedeutet, kein widerliches, stinkendes Arschloch zu sein, auch kein kleines, widerliches, stinkenden Arschloch, nicht mal nur ein wenig fies und hinterfotzig, sondern etwas, das man rundum mögen kann. Eine widerliche Veranstaltung wie Coca Cola braucht keinen social Newsroom oder einen gekauften Spammer, der mich mit diesem Dreck belästigt. Aber um genau das Firmen zu erklären, bräuchte es Berater, die selbst nicht dem Idealbild des kleinen, widerlichen, stinkenden Arschlochs entsprechen. Keine Lügenmäuler, Unsympathen, gierige Hungerleider, Internetpropheten und Beweihräucher ihrer Kumpels auf Gegenseitigkeit, keine Twitternetzwerke zum Ablästern über Andersdenkende und Absprachen zum Trollen. Das alles aber existiert, weil sie in Strukturen agieren, die das nicht unter Strafe stellen, sondern verstärken und fördern. Jeder verarscht jemanden, alle spielen mit, jeder sagt, wie toll und wie wichtig das ist, alle hyperventilieren und sind möglichst gleich vorne mit dabei. Echtzeit, augumented reality, Always-on, Internet als Durchdringung der Realität, ausgelagerte Denkprozesse, das alles wird gerade als nächster Hype verbreitet und bietet massenhaft Beratungsbedarf. Der Lobo schreibt davon was bei seinem Projekt der CeBit, sein Freund Seemann verlinkt das lobend von der FAZ aus, in ein paar Wochen heisst es dann von jemand aus dem Kreis, es stünde ja auch in der FAZ, aber niemand redet darüber, dass sich hier ein paar Kumpels und Geschäftspartner ihre Bälle zuwerfen.

Jetzt steht halt mal etwas anderes in der FAZ. Ist halt nicht jeder rektal in einem anderen, wer hätte das gedacht. Ein paar Leute werden es vielleicht schwerer haben, ein paar Leute werden Fragen stellen, gerade weil es nicht im Internet, sondern im Print war. Heisse Sache, das. Social Media Experten wurschteln ganz vorne rum, aber im Kommendostand bevorzugt man Print, so ein Pech aber auch, nix Medien- und Bewusstseinswandel, Ihr armen Hascherl. Und ziemlich viele aus dem Bereich bemühen sich deshalb zu sagen, dass an meinem Beitrag schon was dran ist, um damit im ohnehin schweren Marktumfeld dieser Spinnereien zu signalisieren, dass sie nicht gemeint sind.

Habt Ihr schon mal über Kloputzen nachgedacht? Das ist eine tolle Arbeit in einem social media channel, die Ihr vielleicht sogar beherrschen werdet.

16.2.2010 | 21:05 von DonAlphonso

Kleiner Hinweis

Das hier bleibt die Blogbar, und sie wird in nächster Zeit auch wieder häufiger gefüllt - davor war ich privat ziemlich verhindert, auf eine durchaus nette Art, aber eben doch auch sehr lange offline - aber das heisst nicht, dass die Themen nun woanders stattfinden. Auch wenn eine Art Blogbar-Text (zu meiner eigenen Überraschung) es heute zu FAZ.net geschafft hat. Als die Zeitung rauskam, war ich rodeln. So ist das, in meinem Leben.

16.2.2010 | 3:20 von DonAlphonso

Diskursmächtigkeit von Facebook

Ich traf vor ein paar Monaten mal einen Mann, der ein Webprojekt ohne Kommentare betrieb. Er hätte gern Diskurs haben wollen, aber der fand bei ihm einfach nicht statt. Allerdings sagte es, dass seine Themen ja bei Facebook diskutiert werden.

Ich habe dann mal nachgeschaut und das Ganze als ziemlich, sagen wir mal, optimistisch eingestuft. Da war nicht wirklich was los. Und auch, wenn momentan bei mir ein paar Beiträge ziemlich grosse Resonanz haben, ist die Anzahl der Leser, die über Facebook-Verlinkungen kommen, allenfalls mau. Mag sein, dass es nicht an den spannendsten Stellen debattiert wird, aber nach über einem Jahr mit einem sehr gut besuchten Blog bei der FAZ hätte eigentlich was passieren können. Das mag bei den ganz grossen Themen vielleicht anders sein, aber bislang habe ich den Eindruck, dass normal relevante Themen da keine grosse Rolle spielen. Das “Beste” war mal ein studienrelevantes Thema, das bei einer relativ grossen Gruppe mit ein paar 10.000 Mitgliedern angebracht wurde, aber selbst da war der Traffic um die 0,5% des gesamten Aufkommens bei mir. Also praktisch vernachlässigbar. Sehr viel schlechter als Blogverlinkungen, wenn man es in Relation zu den theoretischen Nutzerzahlen setzt.

Hat da jemand andere Erfahrungen gemacht? Ich frage, weil mir in einem ganz anderen Zusammenhang wahre Wunderdinge erzählt wurden, die ich absolut nicht nachvollziehen kann. Über die Intensität einer Nutzerbindung kann man bei Kontakten ja noch diskutieren, aber gerade die Sache mit den zu Facebook verlagerten Diskursen leuchtet mir beim besten Willen nicht ein.

10.2.2010 | 13:02 von DonAlphonso

Das Deutsche Feuilleton entschuldigt sich (ansatzweise) beim Internet

(Irgendeiner muss ja anfangen von dem elenden Haufen, warum also nicht ich)

Liebe Blogger und andere Nutzer des Internets,

wir bedauern zutiefst unser komplettes Versagen im Fall der von der Kulturschickeria lancierten Plagiatorin, notorischen Abschreiberin und arroganten Textdiebin Helene Hegemann, der wir praktisch umfassend aufgesessen sind, von den grossen Zeitungen, die sich etwas auf ihre Textkompetenz einbilden, bis zu den Regionalblättern, die dumm das abschreiben, was in der FAS und der Zeit an Textbausteinen versagender Mitarbeiter geliefert wurde. Der ganze Fall ist ein Armutszeugnis für unsere Branche unter besonderer Berücksichtigung einzelner Vertreter, die auch nach Bekanntwerden der ersten Lügen der angeblichen Autorin noch immer versucht haben und versuchen, dieses Vorgehen als Folge des Internets zu rechtfertigen und zu entschuldigen.

Dieser Fall hat uns drastisch vor Augen geführt, dass wir gerade nicht der Hort des reinen Kulturbewusstseins sind, und dass unsere Ansprüche, zwischen gut und schlecht, richtig und falsch differenzieren zu können, nicht der Realität der heutigen Medien entsprechen. Wir haben uns von Verlag, Autorin, der Story und gewissenlosen Vorschreibern und Nachplapperern als sensationsgeiles Starsystem vorführen lassen, wir haben unsere Standards massiv verletzt, und, noch schlimmer, uns auch noch peinlich gewunden, als längst klar war, wie falsch wir lagen. Nicht nur Frau Hegemann hat gelogen und gefälscht und sich herauszuwinden versucht - wir waren ihre Komplizen und Mittäter. Wir waren es, weil wir unser Versagen nicht eingestehen wollten, wir waren es aber auch, weil uns der Verlag, das Fressen, die geschaltete Anzeige und unsere Kontakte wichtiger als diese Blogger und das Internet waren.

Kurz, wir waren hochmütig und überheblich noch im Versagen. Weder haben wir den Vater der Autorin in die Mangel genommen, noch den Besprecher Maxim Biller, der ihn nicht kennen möchte, noch die Autorin und auch nicht den Verlag. Man hat uns, im Stil der Autorin brutal gesagt, die Lügen ins Gesicht geschissen, und wir haben auch noch “Danke” gesagt. Wir haben unseren neuen Fall “Tom Kummer” produziert, weil wir dachten, ein originäres Werk zu erkennen, wo dreist zusammengestohlen wurde. Wir unterstellten Kunst, wo Lüge war. Wir waren zu faul, um kritische Fragen zu stellen, weil wir solche Arschfick schreibenden Prinzessinnen brauchen, weil die Prinzessinnen von Gestern heute nicht mehr taugen. Wir fanden aus dem Netz stammenden Texte erst toll, als sie uns in einem uns passenden Medium als dreiste Fälschung von einer der Unseren aus dem Kulturbetrieb serviert wurden, während wir das Internet und seine Aktivisten immer noch verachteten.

Es ist eine sehr schlimme Sache, was da passiert ist. Wir deutsche Feuilletonisten möchten uns deshalb beim Internet in aller Form entschuldigen, selbst wenn wir nicht direkt Teil dieses Skandals waren.

Entschuldigt bitte unser Fehlverhalten.

Don Alphonso