11.8.2010 | 15:31 von DonAlphonso

Plazes, die nicht mehr sind

Vor ein paar Jahren sah man das auf ziemlich vielen Blogs: Kleine Kartenausschnitte, auf denen zu sehen ist, wo sich der Autor gerade aufhält. Das war neu, das war lustig, das kam aus Berlin und hatte den Namen “Plazes”. Nach meiner Beobachtung blieben die Leute irgendwann scheinbar immer am gleichen Ort, und dann verschwand das Widget wieder von den Seiten der damaligen Internetentblössungsvorreiter. Oft gab es ein neues Design, und schwups, war das Widget weg. Heute fällt mir nur noch 1 Blog ein, das überhaupt so eine Funktion hat, und das gehört keinem Blogger und auch keinem Autoren, sondern nur etwas, das man straffrei (!) als Werber bezeichnen kann.

Plazes selbst hat noch eine Website, aber der Dienst, die Idee dahinter hat sich zumindest in Deutschland als weitgehend unspannend erwiesen - auch bei eben jenen Vorreitern, die ihren Aufenthaltsort nicht mehr ins Netz stellen. Von denen hat auch keiner ein Bild seines Wohnhauses auf seiner Seite, mit einem Pfeil zum Durchgang, wo er über den Mülltonnen im 3. Hinterhof wohnt. Vielleicht wäre es angesichts des Startversuchs von Google Street View ja vielleicht mal eine nette Sache zu überlegen, warum das heute von eben jenen Leuten keiner mehr diese Lokalisierungsdienste hat. Dabei sind es Leute, die es vehement darauf anlegen, Google unter dem Schlagwort einer “digitalen Öffentlichkeit” den analen Hintgereingang zu bekriechen. Google nutzt das selbst, um ein öffentliches Interesse an seinem Dienst zu präsentieren. Aber im Kern scheint es mir bei der Sache doch eher um eine totalitäre Ideologie von Wichtigtuern zu handeln, die ihre kranke Vorstekllung´vin Postprivacy allgemein durchgesetzt sehen wollen, denn einen echten Nutzen des Themas Lokalisierung jenseits der Interessen von Google.

Wie man im Übrigen Netzneutralität fordern kann, und gleichzeitig Dienste im Netz haben will, die sich massiv an den Rechten anderer vergreifen, und nur ein paar Gaffer und Schnüffler bevorzugen, ist nochmal eine andere Frage. Google wird es meines Erachtens gerade mit solchen Bütteln schwer haben, bei jenen Sympathie zu erwerben, die nicht von Asozialen als rückschrittlich angepöbelt, sondern überzeugt werden wollen.

3.8.2010 | 15:27 von DonAlphonso

Nachtrag zu einer schmutzigen Nummer

über eine andere schmutzige Nummer: Bei dem Bloggerversuch der Welt Kompakt (Scroll Edition) ging offensichtlich noch etwas anderes schief, als nur die allgemeine VBerlachung der Springergosse in der Blogosphäre - viel zu spät bin ich leider auf diesen Text gestossen, in dem ein wenig über die reale Arbeit und die Kürzung eines kritischen Textes berichtet wird.

Die darin erwähnfe Puffbrausenmarke lässt ihr neues “Hollywood”-Blog, das im Moment mit Anzeigen u. a. bei Sueddeutsche.de beworben wird, von einer nicht guten, aber altgen Bekannten aus einem burdanahen Modeblog füllen, und darüber wird dann auch breit bei Burdas Zeitschriften geschrieben. Insgesamt ein kleiner, aber stimmiger Eindruck vom Funktonieren von Medien und Bloggern.

17.7.2010 | 12:43 von DonAlphonso

Wenn das Community Management pennt,

wie bei Spiegel Online etwa, bekommt man ganz schnell Autoren aus einem sehr unschönen Spektrum - selbst wenn “Einestages”, wo die Person schreibt, sich selbst mittlerweile zu sehr an den Geschehnissen der Nazizeit aufgei - äh, egal, jedenfalls:

http://einestages.spiegel.de/static/profile/1504/tanja_krienen.html

Da erkauft sich Spiegel Online seine PIs aber mit üblen Bremsspuren. Rest zu dieser Person und ihrer Tätigkeit siehe hier.

9.7.2010 | 9:46 von DonAlphonso

Hehre Wissenschaft und fiese Vermarktung

Ich bedaure das so materialistisch sagen zu müssen, aber meinen Respekt hat “Scienceblogs”, eine Ansammlung von Wissenschaftsblogs vor allem in den USA mit deutschem Ableger, in dem Moment verloren, da ich hörte, was man dort für seine Arbeit bekommt: Den Gegenwert eines guten Abendessens. Pro Monat. Mitbezahlt und finanziert von einem der reichsten Medienkonzerne Deutschlands, Burda. Niemand muss meine Vorstellung von Selbstachtung haben, aber meine bayerische Antwort wäre auf diesen Akt der Vollverarschung:

Ins Gsicht g’****.

Weil ich einen Stolz habe. Weil ich entweder ordentlich bezahlt werden will, oder ganz darauf verzichte. Weil ich es unmöglich finde, sich auf der einen Seite als Wohltäter der Forschung zu präsentieren, und auf der anderen Seite den Beteiligten zu vermitteln, dass ihre Arbeit nicht mehr als ein Mittagessen wert ist. Mäzenatentum scheint seit dem Mittelalter ziemlich auf den Hund gekommen zu sein.

Wobei ich mich inzwischen auch frage, ob der Plan hinter der Idee nicht ein anderer ist: Der Aufbau einer Plattform, der man glaubt vertrauen zu können (idealistische Blogger schreiben über den Stand der Forschung), um dann diese Glaubwürdigkeit an Konzerne verschachern zu können. Wie etwa durch ein nicht besonders gekennzeichnetes Werbeblog von Fettmacher-Pepsi, in dem über firmenkonforme Erkenntnisse der Ernährungsforschung berichtet wird. Was kommt als nächstes? Ein Blog der Atomlobby über die Unschädlichkeit von Atommüll?

Inzwischen ist Scienceblogs mit einem windelweichen Statement zurückgerudert, denn es ginge ja nur darum, Firmen als Träger von Forschung miteinzubeziehen.

Trotzdem frage ich mich, warum in der Situation niemand auf die Idee kommt, Burda einfach in den Wissenschaftssack zu greifen und die besseren Scienceblogger rauszukaufen. Soll er doch schauen, wie er mit der dritten Reihe der X0-Euro-Blogger weiterhin seine billigen Geschäfte macht.

29.6.2010 | 17:33 von DonAlphonso

Über das Verbrennen der Erde

Man muss natürlich nicht professionell bloggen.

Ohnehin gibt es hierzulande nur eine Handvoll Leute, die dazu in der Lage sind; die einen sind bei ein paar - und hier wiederum sehr wenigen - Medienhäusern, die anderen schlagen sich irgendwie selber durch, nachdem die Träumereien durch eine Vermarktung über Adnation/Adical und Lobo/Haeusler so ziemlich geplatzt sind. Insgesamt kann man angesichts der recht kümmerlichen Ergebnisse der Professionalisierung der Blogs nur begrenzt von einem Erfolg rund 10 Jahre nach dem Beginn der Welle sprechen. Aber es muss auch nicht sein. Man kann das als lustiges Hobby begreifen.

Nun gab es in der Debatte rund um das Ende des Blogs Ctrl-Verlust von Michael Seemann bei der FAZ ein paar böse Sager, in denen jene, die nicht mit dem Verursacher des Falles und seinen Freunden übereinstimmten, nicht eben die besten Stimmen machten: “Eure Sklavenmoral kotzt mich an” (Seemann aka mspro). “Bücherverbrennung” (Mario Sixtus). “Kleiner Blogwart” (Wolfgang Michal). Kurz, es wird so getan, als stünde auf der einen Seite die aufrichtige Freiheit, die sich gegen Unrecht und Meinungs- und Publikationsfreiheit wehrt, und auf der anderen Seute die unterdrückte Dummheit, die sich in kleinlichen Bedenken zum Büttel finsterer, kapitalistischer Mächte macht.

Dabei sind die drei Genannten selbst in den Medien tätig (gewesen), und sollten zumindest die Normalität des Berufes kennen. Ich kann in gewisser Weise verstehen, dass alle drei sauer sind, nachdem es mit der FAZ (Seemann), dem elektrischen Reporter und LostinDeutschland (Sixtus) und Carta (Michal) nicht gerade zum Olymp der Medien gereicht hat. In gewisser Weise liegt dieses Vorgehen auch auf einer Linie mit der Wut des ehemaligen Cicero-Online-Chefs Görlach, der als Chef seines eigenen Projekts gegen den neuen Chefredakteur von Cicero vom Leder zog.

Das wird einem dann als “Clash der Kulturen” verkauft, was doppelt blöd ist, denn das Gewinsel ist angesichts des eigenen Versagens eine glatte Lüge bar jeder Kultur, und Medien sind keine Kulturen der Unterdrückung, sondern im Normalbetrieb nur von Rabbatz angenervte, mit oft überarbeiteten Menschen besetzte Firmen, die froh sind, wenn alles seinen ruhigen Gang geht. Kein Mensch dort hat wirklich Lust, sich in etwas einzumischen, das von selbst läuft. Insofern sind Blogs im Profibetrieb eine angenehme Sache, wenn man davon ausgehen kann, dass die Mitarbeiter wissen, was zu tun ist. Wenn jetzt die bewusste Negation dieses Prinzips zur Tugend erhoben wird, kenne ich ein paar Leute, die ich ganz sicher nicht einstellen würde. Denn sowas ist enorm stressig, behindert die Abläufe, und zwingt einen am Ende auch noch in einen öffentlichen Konflikt zu internen Vorgängen, den man nur gewinnen kann, wenn man nochmal eine Ecke indiskreter ist.

Insofern können diese Leute natürlich ordentlich reinhauen: Zu verlieren haben sie dabei (und gerade beim Lieblingsgegner FAZ) gar nichts, zu gewinnen gibt es eventuell - so zumindest noch am Freitag - den Druck auf die FAZ, sich dem entfachten Sturm zu beugen, und zu zeigen, wie gross die Macht des Internets ist. Wenn es nicht klappt, hat man wenigstens mal wieder richtig Wind gemacht und sich als Hüter der Freiheit präsentiert, und allen anderen, die eventuell auch mal was aus der Bloggerei machen möchten, die Tür versperrt. Wer sollte sich nach dieser Nummer schon hinstellen, und dem Chefredakteur nochmal so einen Wilden aus dem Netz vorschlagen? Und mit etwas Glück bekommen die Nichtkollegen, die man ohnehin nicht immer schätzte, selbst Probleme, weil sich die Firma die ganze Bloggerei nochmal überlegt. Die ganze Nummer ist Wasser auf die Mühlen eben jener Betonköpfe im Verlagsgeschäft, über die sich Blogger so gern aufregen. Es ist absolut schädlich für Vertrauensverhältnisse, und bringt auch nichts voran: Es zeihgt exemplarisch auf, wie das vielgerühmte Web2.0 missbraucht werden kann, wie schnell sich leute einfinden, die dabei mitmachen, und mit welchen Strukturen und Methoden hantiert wird. Und danach sind wieder die bösen Medien schuld, wenn sie gemein zu Bloggern sind.

Sowas kauft keiner, der noch alle Tassen im Schrank hat. So etwas vertraut keiner, so etwas möchte niemand als Partner sehen. Ich bin weiss Gott kein Freund der Nibelungentreue, mit der sich andere Blogger für ihre miesen Werbepartner von Coke bis Vodafone hergaben, aber ich denke, es gibt so etwas wie einen vernünftigen Weg, wie man das Bloggen auch in einem professionellen Umfeld gestalten kann, ohne sich selbst und seinen Idealen und dem Partner untreu zu werden. Wenn man dazu keine Lust hat, soll man einfach die Finger davon lassen und auf das bedingungslose Grundeinkommen warten.

24.6.2010 | 23:44 von DonAlphonso

Ein paar Fakten und persönliche Worte über das Bloggen bei der FAZ

Ich schreibe dort seit anderthalb Jahren ein Blog. Es gab absolut keinen Versuch, mich zu beeinflussen, auch wenn meine Meinung sehr oft nicht zwingend auf dem lag, was man für eine Redaktionslinie halten könnte. Ich kann beim besten Wissen und Gewissen nur sagen: Das gab es in meinem Fall nicht. Im Gegenteil, ich hatte durchaus manchmal das Gefühl, dass bei einem monothematischen Blog wie meinem ab und zu eine Gegenkontrolle von anderen gut getan hätte. Blattkritik nennt man das im Journalismus, aber die Leistung meines Blogs mit mehr als 130 Kommentaren pro Beitrag ist wohl auch so nicht ganz schlecht.

Ich bin dort das, was man als “freier Mitarbeiter” bezeichnet. Ich habe zwar ein Blog und enorm viele Freiheiten, aber ich weiss, dass es aus vielerlei Gründen schnell vorbei sein kann. Ich habe keine Angst, dass es so kommt, denn es gäbe genug andere Optionen für das Projekt. Ich glaube aber, dass für mein Thema die FAZ das ideale Umfeld ist. Ich mein, wo hat man das schon: Diskurse über 300, 400 Kommentare auch zu haarigen Themen, ohne dass man löschend eingreifen müsste. Dennoch: Als Freier bin ich dort nur so lange, wie ich mich ordentlich benehme. Ich bin deshalb nicht unfrei, ich zahle keinen Preis, ich weiss nur, dass es sinnvolle Regeln gibt, die im Redaktionsstatut zu finden sind.

Ich bringe dort eine Leistung, die mit Bloggen nicht mehr viel zu tun hat. Für meinen letzten Beitrag habe ich 30 Kilometer Umweg nach Würzburg gemacht, habe 2 Stunden Parkgebühr bezahlt, bin in den Dom gegangen, habe photographiert, und daheim eine Stunde lang die Bilder bearbeitet und eingefügt, nachdem ichn mir dazu eine Geschichte ausgedacht habe. 4 Stunden Arbeitszeit für eine Leistung, die bei den Lesern gut ankommt, aber auch eine Leistung, die ich selbst von mir fordere. Man muss das nicht machen, aber es hat schon seinen Grund, warum meine Beiträge auch unter schlechten Voraussetzungen und an Wochenenden sehr gut laufen.

Die Bezahlung bei der FAZ hat keine Aufwandskomponente. Sprich, es spielt keine Rolle, wieviel Stress man sich mit Bildern macht, ob man sich speziell für die Arbeit eine neue Kamera kauft oder Bilder einfach weglässt, oder sie aus anderen Quellen bezieht. Es macht aber sehr wohl einen Unterschied bei der Frage, ob sich Arbeit lohnt: Wenn sich ein anderer hinstellt, über etliche Beiträge hinweg Bilder bei Flickr klaut und sich einen Dreck um die CC-Lizenz kümmmert, die kommerzielle Verwertung ausschliesst, gibt es am einen Ende jemanden, der etwas für seine Bezahlung tut, und einen anderen, der für die gleiche Bezahlung andere ausnutzt. Und nebenbei auch noch bei Kundigen den Ruf der Zeitung nicht verbessert.

Bei diesem Spiel, wenn es hingenommen wird, ist der sauber arbeitende Journalist der Idiot, und relativ dazu wird die Klauerei belohnt. Es gibt kein Medium, das auf Dauer so arbeiten könnte, das ein oder andere Gossenorgan und ein paar andere Onlinepostillen mal ausgenommen. Es gab in der Frage der Urheberrechte nach mehr als nur einem solchen Fall vor ein paar Tagen eine unmissverständliche Mail an alle Blogautoren der FAZ, in Zukunft die Bildrechte vorab zu klären und nur noch Bilder entweder aus dem Haussystem oder aus der eigenen Kamera zu nehmen. Daran war nichts falsch zu verstehen, es ging nicht um “besser aufpassen”, sondern um absolut klare Vorgaben. Sich nach so einer klaren Aufforderung gleich wieder hinzustellen und die nächsten drei Bilder bei Flickr zu klauen, ist - nun, das kann sich jeder selbst denken.

Und hier will ich persönlich sagen: So etwas zu tun, wenn man sich ausgerechnet als Internetvordenker profilieren will, ist saublöd. Weil, entweder bin ich ein Guru - dann weiss ich, was Creative Commons eine ziemlich wichtige Sache für das Miteinander im Netz ist, und benehme mich. Oder ich klaue einfach nur Bilder und kassiere dafür Geld. Aber dann noch eine Welle zu machen und zu winseln, damit alle Kumpels Solidaritätsbekundungen ablassen, Kumpels, die über jeden Journalisten herfallen würden, der sich bei Flickr seine Bilder zusammenklaut, aber in diesem Fall statt dessen meinen Arbeitgeber beschimpfen, auf diese Art und Weise die Bloggerei bei der FAZ in Misskredit bringen - wenn ich das alles mache, dann sollte ich mich nicht wundern, wenn andere nicht gerade Verständnis für meine Lage aufbringen.

Oder, um es im zuvorkommenden Ton dieser netten Internetwelt zu sagen: GAFL. Die Arbeit bei der FAZ und den dortigen Blogs ist auch nicht anders als anderswo, wo freie Journalisten sitzen, oder höchstens angenehmer. Man liefert eine Leistung, hat enorm viele Freiheiten, und wird dafür ordentlich entlohnt. Das ist das freie Recht der dort Arbeitenden. Dafür muss man dann eben respektieren, wenn die Zeitung das freie Recht für sich in Anspruch nimmt, diese Leistungen nach eigenem Empfinden und eigener Entscheidung zu präsentieren. Das ist alles. Man kann damit gut leben, oder auch Verschwörungstheorien ins Netz setzen. Nur muss man sich im zweiten Fall über die Folgen absolut nicht mehr wundern. Wer Leistung sowieso hasst und seinem Partner von seinen Freiunden das Ende wünschen lässt, kann sein Zeug auch bei sich selbst veröffentlichen. Das hier ist das Internet.

22.6.2010 | 21:06 von DonAlphonso

Mal etwas langsamer

Ich hatte vor zwei Wochen ein Gespräch mit einer Person, die ein paar Ideen hatte, in Bezug auf Blogs und dass man endlich was daraus machen machen sollte. Irgendwie ist die Vorstgellung unausrottbar, dass Blogs enorm schnelle Medien sind, die viel schneller und besser als herkömmliche Medien reagieren, Meinungen abbilden und Leser anziehen können. Das stimmt insofern, als im Vergleich zu den Nickeligkeiten des Redaktionsbetriebs Geschichten anders und schneller gefahren werden können, weniger Kontrollinstanzen mitwirken, und Themen auch praktisch unbegrenzt vertieft und erweitert werden können. Blogs können schneller sein. Na und?

Die diversen Blogs, die jetzt bei Medien zur Fussballweltmeisterschaft aufgeschaltet werden, sind das beste Beispiel für das Nichtfunktionieren dieser These. Die ZEIT hat sich da wirklich was ganz Neues mit vielen Autoren einfallen lassen, die alle ganz unterschiedliche Aspekte beschreiben und es war sicher nicht billig - und es kommentiert praktisch keiner. Das Blog erlaubt es, schnell neue Autoren jenseits des Mainstreams zu bringen, und es läuft an den Lesern vorbei. Wenn man dann mal bei solchen Projekten nachhakt, warum es denn nicht angenommen wird, trotz des grossen Themas, der Autoren und der schnellen Lockerheit, kommen Ausreden wie “die Leute wollen doch nur gucken” oder “Zu solchen Themen kommentiert man eben nicht” - was vollkommener Blödsinn ist, wenn man sich mal allesaussersport und ähnliche Angebote anschaut.

Nur weil etwas schnell ist, heisst es nicht, dass es schnell ankommt oder schnell dankbar angenommen wird. Vertrauen und Kompetenz bei den Lesern muss man sich erarbeiten, und zwar nicht beim ersten Anpfiff zur WM, sondern lange davor Dann klappt das auch. Das ist das eine.

Das andere ist der Umstand, dass sich die Leser zumindest in Blogs ebensowenig einen Geschwindigkeit aufzwingen lassen, wie sie sich eine gewisse Langsamkeit verbieten lassen. Natürlich läuft jeder Beitrag mal aus und verliert seinen Reiz der Debatte, aber meine Erfahrung mit grösseren Geschichten bei der FAZ ist, dass sie auch 48 bis 72 Stunden ziehen, wenn sie die Leser erst mal angesprochen haben. Ich merke das an den Kommentaren, die weiterlaufen, wenn der Beitrag schon lang von der Startseite verschwunden ist, und ich merke das an den Abrufzahlen, die auch am dritten und vierten Tag noch gut ansteigen. Das hat sicher auch was mit der nicht allzu aktuellen Thematik zu tun - meine Beiträge veralten im Nachrichtenstrom nicht so schnell - aber es zeigt ein ziemlich ruhiges und gar nicht überhetztes Nutzungsverhalten. So ziemlich das genaue Gegenteil von Twitter, das bei der Verlinkung von Beiträgen und Retweets eher einem kurzen Strohfeuer gleicht. Wer bei Twitter ankommen will, muss tatsächlich am Anfang eine grosse Welle machen. Bei Blogs? Ach was. Absolut nicht nötig. Blogs sind durch die lang andaurnde Debatte der Leser eher ein Medium, das durchaus Zeit haben kann. Mehr als Print, TV oder Radio, und mehr als viele Internetangebote. Man kann bei Blogs klassischer Medien und grosser Leserzahl ein- und aussteigen, eine Nacht auf eine Antwort warten, es ist eine sehr, sehr langdauernde Form der Themenaufbereitung, und damit eine Ergänzung am anderen Ufer jenes Nachrichtenstroms, während auf der drüberen Seite RSS-Reader und Twitter lärmen.

Esa gibt ein paar Versager der Geschwindigkeit, die genau das mit ihren Blogs nicht schaffen und für Ihre Ideologie der Borgs und der Immeronliner verlacht werden, und deshalb angesäuert reagieren, wenn Leute wie Lovink für eine gewisse Ruhe und Langsamkeit eintreten, die allein durch ihre dezente Art auch vieles aushebeln, was die Netztotalitaristen als ihre Neue Zeit begreifen, mit “Post-Privacy”, erfundenen Kontrollverlusten und Zwangsmassnahmen gegen Andersdenkende, die sie ins Netz schleifen wollen. Wer Zeit hat, denkt nach, wer Ruhe hat, reagiert nicht ohne Kontrolle. Ich denke, die beste Art, diesem Pack zu zeigen, wie Internet gehen kann, welche Möglichkeiten sie nie begreifen, ist einfach, dem Netz Ruhe und eine gewisse Entspanntheit zurückzugeben, die es eben nicht nötig macht, alle zehn Minuten seine Extremitäten ins Netz zu hängen. Ein Netz, Blogbeiträge, Texte, Bilder, die man in Ruhe geniessen kann. Nicht sofort, nicht in 10 Minuten, man hat eben Zeit, und auch, wenn man mal 10 Beiträge verpasst, ist der Elfte dann auch wieder eine Einladung. Leseransprache statt Nutzeranbrülle. Lesen statt Always on. Geniessen statt Drängeln.

Das Netz ist räumlich und zeitlich ohne Grenzen. Es gibt absolut keinen Grund zur Eile. Ausser, man macht ihn sich selbst.

2.6.2010 | 21:57 von DonAlphonso

Nochmal zu Flattr (und anderem)

Ich habe jetzt einen Testaccount, und

ein Problem.

Ich werde es ganz sicher nicht auf meinen Blogs einsetzen, denn ich finde es wirklich widersinnig, von Menschen, die mir ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenken, Geld zu nehmen. Geld, das ich definitiv nicht brauche. Ich habe einen Moment mit dem Gedanken gespielt, eine Art Experiment zu machen, etwa: Ihr könnt mich (oder besser, diesem Account) mit dem übrigen Geld am Monatsende flattrn, und dann machen wir damit einen Pool und geben das einem sozialen Projekt, einem verklagten Blogger oder sonst jemandem, der es dringend brauchen kann - womit eines der Hauptprobleme von Flattr in meinen Augen behoben wäre: Der Punkt nämlich, dass der Rest an alle möglichen Leute geht. Das wird über kurz oder lang dazu führen, dass sich unschöne Gestalten darüber her machen werden, und mit solchen Metaflattrn oder Flattrfunds könnte man da gegensteuern.

Aber generell habe ich damit ein anderes Problem: Wenn ich etwas so gut finde, dass ich es belohnen möchte, wäre es nicht besser, ich würde das gleich richtig machen? Was für eine “Belohnung” sind per Internet hingeworfene 10, 20 Cent, wenn ich denke, dass andere einen guten Job gemacht haben? Wenn das irgendwer ist, geht das noch - aber im realen Leben würde ich doch auch nicht zu jemandem hingehen und sagen, hey, super, hier haste nen Euro. Und das ist der soziale Punkt, über den ich nicht wegkomme. Ich empfinde es einfach nicht als soziale Form des Bedankens. Was nicht heisst, dass ich mir mit Flattr nicht auch andere Dinge, siehe oben vorstellen könnte, wenn das Ding mal weiter entwickelt und um andere Funktionen bereichert wird.

Generell bin ich übrigens immer noch der Meinung, dass es ein enormer Fortschritt zu den jämmerlichen Werbeversuchen ist, wie der, den man bei Blog.de/Mokono mit diesem PR-Müll (http://mokono.blog.de/2010/05/27/blogger-8681241/) gestartet hat:

“An alle BlogsLeute, die Zeit ist reif […] Mit jeder Anmeldung steigt die Reichweite für Blogs in Deutschland. Je größer die Reichweite, umso größer die Chance auf Vermarktung. Jede Anmeldung hilft der Blogosphäre. Als Kollektiv können wir signifikante Reichweite aufbauen!”

Jaja, das Kollektiv - das ist die gleiche Klitsche, die in ihren Pressemitteilungen sowieso schon rumtrötet, sie hätten das reichweitensträrkste Blognetzwerk des Landes mit 250.000 registrierten Usern - und massenhaft irrelevanten Blogs, die ausser Oma und Mutti niemanden wirklich interessieren, denn die bei Blog.de versammelte Gemeinschaft hat nun mal keinen richtigen Impact, nirgends. Vor lauter Grösse hat man es bei dem Laden versäumt, auf Qualität zu achten, und jetzt ist man gezwungen, andere zu finden, die für ein paar Euro TKP (wenn sie denn Werbekunden haben) mitmachen. Das wäre das erste Mal, dass ein paar Werbefritzen auf der nun schon 5 Jahre dauernden Suche nach einem Geschäftsmodell ernsthaft das Wohlergehen der deutschen Blogger im Auge hätten. Es ist das dummdreiste Gesabber aus der Koofmich-Ecke, das Flattr so gut aussehen lässt. Weil Flattr die Middlemen killt. Und das Ausknipsen der Figuren aus dem Verdienstprozess ist nun wirklich was, das der deutschen Blogosphäre helfen kann.

Ach so, und was macht eigentlich Grosslotzvorläufer Adnation, die immer noch Blogs vertreiben wollen, die es teilweise schon gar nicht mehr gibt, oder längst andere Partner haben, und sich eigentlich bald für andere öffnen wollte?