Blogs haben in Frankreich einen großen Auftritt gehabt, am Samstag auf der Titelseite der LibĂ©ration, Frankreichs linksliberaler Zeitung Nummer Eins.

Die Generation Blog ? mehr und mehr Surfer haben ihr Tagebuch im Web. Sie ergÀnzen und gehen gegen die traditionellen Medien an, die nun auch dem Lockruf der Blogs erliegen

Hier eine Auswahl der zumindest derzeit via Libé-Website abrufbaren Artikel:

Le monde selon blog ? Die Welt gemĂ€ĂŸ den Blogs”

Ein Überblick ĂŒber das PhĂ€nomen Blog, “die eine Gegenmacht und Inspirationsquelle fĂŒr die Medien darstellen”.

Der Artikel gibt die Zahl der Blogs alleine in Frankreich auf ĂŒber 1 Million an. Die hohe Zahl scheint sich, gemĂ€ĂŸ dem Artikel, zum Teil daraus zu erklĂ€ren, dass viele junge Medien, unter anderem das Jugendradio “Skyrock”, Blogs als Hoster propagiert haben. Nach Skyrock sind nun andere Jugend-Radiosender auf den Blog-Zug aufgesprungen.

Philippe Pinault, ein neuer franz. Blog-Hoster, fasst die Explosion an Blogs zusammen: “Es entstehen da Communities, wahre StĂ€mme und die Medien haben es nun begriffen“. In der Tat: die Unternehmen scheinen wie entfesselt darauf anzuspringen, Communities an sich binden zu können. Mobilfunkprovider bieten Blogs und Moblogs an.

LibĂ© klopft sich auf die eigene Schulter, sie wĂ€ren die erste französische Zeitung gewesen, bevor andere Zeitungen ihr unterdessen “massiv” gefolgt wĂ€ren. Fernsehsender drehen nun am Rad auch mit. TF1 bietet Blogs fĂŒr sein “DSDS”-Ă€hnliches Format an und M6, ein RTL2-vergleichbarer, junger TV-Sender, geht nun mit seinen “M6blogs” als Hoster an den Start. Inkl. Wettbewerb “bestes Blog des Jahres” und Fernsehauftritt in der Morningshow.

Der Washingtoner Korrespondent der LibĂ© berichtet ferner von den zahlreichen “Einmischungen” durch Blogs in dem US-Wahlkampf, sei es durch Meinungsblogs, sei es durch die Dan-Rather-Geschichte.

Nach Meinung des US-Korrespondenten sind Blogs in den USA dabei ein neues mediales Ökosystem zu schaffen. Kontrollfunktion fĂŒr traditionelle Medien, Gegenmacht zu einer eintönigen Medienkonzentration die auf lokaler Ebene selten mehr als ein Lokalblatt ĂŒberleben lĂ€ĂŸt.

Perturbateurs ? Störer”

Ein Editorial von Jean-Michel Thenard. SinngemĂ€ĂŸ:

Blogs, persönliche Nachrichten wie eine Flaschenpost im Cyperspace hinterlassen. Das PhĂ€nomen Blog verrĂ€t viel ĂŒber unsere Epoche wo das Intime sich mehr und mehr exhibitioniert und wo sich die SubjektivitĂ€t nicht mehr versteckt. Wo jeder glaubt seine Ansichten hĂ€tten die gleiche Berechtigung wie die Ansichten anderer. Wo man sich das Recht nimmt, nicht nur ĂŒber sich, sondern auch ĂŒber alles andere zu sprechen. Blogs verstören diejenigen, die frĂŒher die AutoritĂ€t hatten, uns den Gang der Dinge zu erzĂ€hlen und zu erklĂ€ren.

Plötzlich sind die Experten der Konkurrenz ausgesetzt und das Internet erscheint als egalitĂ€res Ideal. Es wird die “Informations-SphĂ€re” genauso verĂ€ndern, wie es die Wissenschaft im letzten Jahrhundert tat, als es nicht mehr neutraler Beobachter war, sondern selber zum Gegenstand der wissenschaftlichen Erfahrung wurde.

Der Journalismus bekannte sich bereits in den 70er Jahren zum “Neuen Journalismus” und zur SubjektivitĂ€t. Nun kommt die InteraktivitĂ€t hinzu, wie der Fall des Inflagranti erwischten Dan Rathers grausam zeigte.

Manchmal gefĂ€hrlich, wenn es selbst zum Vehikel nicht verifizierter Nachrichten wird. Meistens aber nĂŒtzlich, weil es prĂ€zisiert und ĂŒberprĂŒft. Noch besser: wenn es die Zensur der MĂ€chtigen umgeht. Es kommt nicht ungefĂ€hr, dass Bloggen wĂ€hrend des Irak-Krieges einen Höhepunkt der PopularitĂ€t erlebten, als die Weltmacht Nummer Eins versuchte seine Sicht der Dinge zu diktieren. Dank der Blogs reicht es nun nicht mehr aus die Medien zu kontrollieren.

Liberation.fr défricheur

Nachbetrachtungen zu den Blogs die die LibĂ© anlĂ€ĂŸlich des US-Wahlkampfes eingerichtet hatte. Nach eigener Lesart, ein Erfolg. Mehr als eine Million Besucher seit Februar, 250 Postings und mehr als 2500 Kommentare. Die Blogs wurden am Tag nach der Wahl geschlossen (Der Weg ins Weiße Haus, “Alles Kampagne“).

Doch die LibĂ© bereitet vier neue Blogs vor: ĂŒber China, ĂŒber Bildung, ĂŒber die USA und den “LibĂ©ration Football Club”

Les limites Ă  ne pas dĂ©passer ? Die Grenzen die nicht ĂŒberschritten werden dĂŒrfen

Unternehmen goutieren nicht immer was in den Blogs ihrer Angestellten zu lesen ist.

Als Beispiel wird ein kroatischer Diplomat in den USA genommen, dessen sexuelle Frustrationen und Langeweile beim Job die Runde in der heimatlichen Presse machten. Einige Dutzend von Bloggern sollen auf Anfrage von Libé laut Pointblog bereits wg. Blogs entlassen worden sein.

Im Artikel ErwĂ€hnung finden auch Kevin Sites (Ex-CNN), Chi Chu Tschang (bei Bloomberg, Peking entlassen) oder Michael Hanscom (Microsoft) der entlassen wurde als er auf dem GelĂ€nde eine Lieferung neuer Mac-Rechner sah und mit “Selbst bei Microsoft will man die neuen G5-Rechner” komentierte.

Pourquoi ils tiennent leur journal” ? Warum bloggen sie?

Die LibĂ© befragt einige Blogger ĂŒber ihre Motive. Die einen wollen im Sinne der demokratischen Meinungsbildung lokale Infos verbreiten. Andere verdienen mit Blogs inzwischen Geld, andere begeistert die Einfachheit eigene “Werke” zu veröffentlichen. und fĂŒr wiederum andere ist es ein Kommunikationsinstrument mit der Kundschaft.

«Un contre-pouvoir aux médias» ? Gegenmacht zu den Medien

Ein Interview mit Florence Le Cam, die in Quebec an der UniversitĂ€t Laval an der FalkutĂ€t fĂŒr Journalismus arbeitet. Sie untersucht die Auswirkungen der “Werkzeuge der Auto-Publikation” auf die Medien. Zusammengefasst:

Blogs sind in den USA wĂ€hrend des Irak-Krieges sehr populĂ€r geworden. Es gibt zwei Reaktionen: die einen begrĂŒĂŸen es als Demokratisierung von Informationen. Die anderen sehen eine wachsende Zahl der Verunsicherung und Konfusion aufgrund der nicht-professionellen Natur der Sites. Aber auch wenn die Blogs durchaus eine Rolle im US-Wahlkampf spielten, rein quantitativ bleibt ihre “Einschaltquote” noch gering und ihre Auswirkungen betreffen eher die Medien-Szene selber.

Sie können sich als gegenmacht zu den Medien entwickeln. Nicht im politischen Sinne, dazu ist ihr “Resonanzboden” noch zu gering, aber innerhalb der Medien-Szene selber. Es ensteht “Open-Source-Journalismus” der zum Austausch von Informationen anspornt.

Der derzeitige Hype von Blogs erklĂ€rt sich mit der “Banalisation” der Blog-Werkzeuge selber, die fĂŒr jedermann zugĂ€nglich sind.

Blogs leben und sterben mit den Themen die sie aufgreifen. Stirbt ein Thema, verliert ein Blog seine Wichtigkeit und in einer Art “regenerativer Kreislauf” tauchen dafĂŒr andere, neue Blogs auf. Dies ist keine SchwĂ€che, sondern eine StĂ€rke, da es den Blogs eine RadikalitĂ€t gibt.

Womit die drei Seiten der Libération schliessen.