Vorgestern war in München der Cscout TrendDay (Fehler nicht von mir) Blogging. Veranstaltet von der weiltweit operierenden Agentur CScout, illustre Gäste from all over the Planet extra eingeflogen, und in der Landeszentrale für neue Medien BLM versammelt, die auch beteiligt war. Begrenzt auf 100 Teilnehmer, die jeweils 200 Euro für das Vergnügen hinblättern sollten, um die neuesten Entwicklungen in Sachen Blogs zu erfahren. Das Ergebnis sah wohl so aus, eine rauschende Ballnacht ist was anderes, eine gute Party auch und selbst für ein Treffen von New Media Leuten in München ist das hier eine eher traurige Kulisse.

Will sagen, statt der erwarteten 100 waren nur rund 50 in Persona da, und davon gingen noch
– Veranstalter
– Freunde der Veranstalter
– Leute von der BLM
– Leute, die ĂĽblicherweise immer auf das Ticket der BLM reinkommen
– Leute mit Presseausweisen
– Bekannte der Leute mit Presseausweisen
– die ĂĽblichen, in MĂĽnchner Trendkreisen unvermeidlichen Adabeis
weg, und wenn ich mir die teils altbekannten Gesichter so anschaue, wage ich es zu bezweifeln, dass auch nur die Hälfte der Anwesenden bezahlt hat. Und das in einer Stadt, die angeblich immer ganz weit vorne mit dabei ist in New Media und Emerging Markets.

Was das fĂĽr den Anspruch der Veranstaltung bedeutet, die angeblich “Face-to-face interaction and networking with top decision makers in a low pressure environment” wollte, mag sich jeder selbst ausdenken. Die kritische Masse fĂĽr einen ordentlichen Deal Flow liegt bei mindestens 80 bis 100 wirklich interessierten und zahlenden Besuchern, darunter gibt es einfach zu wenig Auswahl an potenziellen Partnern. Die Folge sind eher laue Bemerkungen in der Blogosphäre und bei denen, die in danach den bösen Don anrufen und ihm alles hintertragen – der Don hatte es sich kurzzeitig ĂĽberlegt, aber dann…ne.

Nun kann man sagen: 200 Euro für einen Nachmittag mit Firmenpräsis, noch dazu auf Englisch, weit draussen auf den harten, kalten Bänken der BLM in Münchens scheusslichstem Stadtteil Neuperlach, wo München fast so hässlich wie das Slum Berlin am Wannsee ist, ohne Buffet, Fingerfood, Kaffee: Da ist für den normalen Arbeitgeber die Total Cost of Ownership zu hoch, ganz gleich, wie gehyped das Thema ist. Ausserdem ist das inzwischen weitbekannte Eigenlob von Le Meur/Six Apart, Schick/Nokia und Gawker Media nicht jedermanns Sache. Man kann auch sagen, dass die Öffentlichkeitsarbeit von CScout unter aller Kanone war; man hat sich keine Mühe gegeben, gezielt Leute anzusprechen, für die der Event spannend gewesen wäre. Die Informationen auf ihrer Website waren für ein Thema, das viele schlichtweg noch nicht kennen, viel zu speziell. Das mangelnde Engagement zeigte sich dann auch, als das angekündigte Live Blogging ohne Erklärung ersatzlos gestrichen wurde.

Kurz: Da wurde mal wieder ein Markt gross gebrĂĽllt, den es nicht gibt, eine Bedeutung unterstellt, die ausserhalb einer winzig kleinen Gruppe von Interessierten nicht existiert. CScout ist es mit teilweise wirklich guten Rednern nicht gelungen, auch nur das ĂĽbliche Kreativplebs der Landeshauptstadt anzusprechen; von “Entscheidern” der VCs, Investoren, Old Economy und aufgeschlossenen Medienhäusern mal ganz zu schweigen.

Schlechte Stimmung? Das geht auch ganz anders. Ich habe selbst zwei Lesungen gemacht, war bei anderen dabei und weiss, dass auch in Hamburg die Besucher kommen, wenn das Angebot taugt. Das Angebot lautete: Nicht Business mit Blogs, sondern Blogs selbst. In einem Blog werden keine Geschäfte geschrieben, sondern Texte, kulturelle Leistungen, wenn man so will. Die werden gern gelesen, und es gibt zumindest in Berlin eine Menge Leute, die dafĂĽr auch einen Abend kommen, zuhören, klatschen, nachher noch weggehen. Manche fahren dafĂĽr auch ein paar hundert Kilometer. FĂĽr Blogs. FĂĽr das, was sie daran, an den Autoren, an der “Szene” mögen. Danach liest man in den Blogs Berichte, bei denen man sich denkt: Verdammt, warum war ich da nicht dabei.

Nach unserer Lesung im Roten Salon traf ich Mama, der die Lesung nicht so doll fand. Ich fragte ihn, was er anders machen wĂĽrde, und er wollte da mal drĂĽber nachdenken. Das hat er jetzt getan und mach auch eine – Lesung? Konzert? Treffen? Zusammen abhängen? Ringelpietz mit Anfassen? Blind date fĂĽr den grossen Blogger-Inzest? Keine Ahnung, aber da sind schon enorm viele Voranmeldungen, ohne grosses Marketing. Und da sind lauter Leute, auf die ich mich freue. Keine Powerpoint, kein TrendsĂĽlzer, der kommt und das Thema denen da draussen verkaufen will. Aber ein Organisator, der sicher nichts dagegen hat, wenn ich jemanden mitbringe, der noch nicht blogt.

Bloggen ist, wenn man so will, ein soziales und ein kulturelles Phänomen. Man verfasst einen Text, also eine kulturelle Leistung, die man bitte nie unterschätzen sollte; schon gar nicht in Zeiten, da uns die führenden Medien ins Reality-Paläolithikum mit SMS-Abstimmung zurückbomben. Und es entstehen auf der Basis der Texte soziale Strukturen im Internet. Ich denke, dass die Übertragung dieser Phänomene ins reale Leben klappen wird, denn es gibt eine Menge Leben nach dem Internet. Nicht nur einmal, sondern oft, denn sowohl die sozialen als auch die kulturellen Strukturen in Blogs sind ständig in Bewegung,

Diese Kombination, dieser “Killercocktail” aber ist, wenn man so will, der Bär, dessen Fell die anderen so gerne teilen wĂĽrden. Die anderen denken, dass der Bär eine leichte Beute ist, sobald man seiner habhaft wird – dummerweise bekommen sie bisher aber kaum genug Jäger zusammen, sei es, weil die Jagd zu teuer ist, oder weil die, die Bärenfelle vermarkten wollen, noch nicht mal sich selbst vermarkten können. Das ist eigentlich fast schade, denn mancher Bär wĂĽrde sich auf das Treffen mit ein paar ahnungslosen oder von CScout angewiesenen Sonntagsjägern im dunklen, tiefen Bärenwald freuen. Ich behaupte zudem, dass der Bär eine Menge kulturelle und soziale Intelligenz mitbringt und weiss, dass ihm sein Fell immer noch am besten steht. Und dass er nicht als Mantel einer drittklassigen Bizz Developerin enden will, die sich draussen in Neuperlach bei Powerpoint-Präsis in gebrochenem Englisch die Fingernägel lackiert. Lieber geht er mit anderen Bären einen heben, und vielleicht ein paar Jägerknochen abnagen.