Das Beste zuerst: Es war kein echter Web2.0-Apologet auf dem Podium der Blogdiskussion (Programm, Livegeblogge). Alles, was bislang an Bizz- und PR-Bloggern unterwegs war, wird nur ein m├╝der Abklatsch dessen sein, was mit dem Idiotenterminus web2.0 (thx nico) vor der T├╝r steht. Denn mit dem Schlachtruf eines angeblich sozialen Fortschritts durch eine ebensolche Software strampeln und linken sich Freaks nach oben, die es wahrscheinlich nicht verwunden haben, dass ihre alte Tech-Bloggerei heute keine besondere Breitenwirkung mehr hat – Bloggen hat sich von ihnen emanzipiert. Deshalb, denke ich, wollen sie weg von den Inhalten und der Unterhaltung, die sie nicht bringen k├Ânnen, zur├╝ck zu etwas, wovon sie reden und Nichtnutzer als dumm, r├╝ckst├Ąndig oder Version 0.98 diffamieren k├Ânnen. Was man halt so tut, wenn man in Ermangelung von Frauen a Lattnklatscher is einen M├Ąnnerbund aufmacht.

Insofern war die Debatte auf den Medientagen gestern sehr erholsam und fast schon liebenswert anachronistisch. Angesichts der eher durchschnittlichen Besucherzahl, von der man gerechterweise nochmal ein paar Freundeskreise abrechnen m├╝sste, ist die Idee von den Blogs als heisser Scheiss, als das n├Ąchste grosse Ding in der Medienwelt hinf├Ąllig. Markwort war, wie ich bei der Suche nach der Technik sah, draussen und hatte was besseres zu tun. Wer dachte, vor einem Haufen Entscheider eine Pr├Ąsi machen zu k├Ânnen, fand sich in einer typischen Runde einer niedergehenden Branche auf einem Kongress einer Munich Area wieder, deren beste Zeiten lange vorbei sind.

Mit Eck und Cords waren zwei Redner da, die etwas zu verkaufen hatten, und das entsprechend einbrachten. Dadurch drohte das Ganze zeitweise etwas in einen PR-Vertriebskanal abzurutschen, was m.E. nur bedingt die Aufgabe der Medientage ist. Cords brachte seine Kraft ordentlich aufs Parkett, wobei die Show besser war als die Thesen, denen es meines Erachtens an Argumenten gebrach. Ich muss ihm neidlos konzidieren, dass jedesmal mit ihm ordentlich Leben in die Bude kam. Eck, Schultheiss und Pain hatten ihre Themen und Punkte, die sie brav und mehr oder weniger nachvollziehbar abhandelten.

In dem Punkt war die Veranstaltung enorm “unbloghaft”. Da sitzen sechs Leute vorne, teilweise wie Cords und Eck mit enorm divergierenden Meinungen in f├╝r sie zentralen Punkten, und trotzdem kommt keine Debatte auf. Statt dessen werden eher k├╝hle Statements runtergerattert, von einer Begeisterung kommt wenig bis gar nichts r├╝ber – und ist wohl auch nicht ├╝berm├Ąssig vorhanden. Die Einlassungen von Bildblogger Christoph Schultheiss waren, wenn man den Text von Stefan Niggemeier ├╝ber das Bloggen kennt, merkw├╝rdig unterk├╝hlt.

Was mir – gerade angesichts des Umfelds der Medientage – enorm gefehlt hat, war die Debatte um Inhalte. Ich war der einzige auf dem Podium, der ein gr├Âsseres, normales “Tagebuch” ohne thematische Festlegung f├╝hrt, weshalb das an mir h├Ąngen blieb. Wer schreibt was, wie wird geschrieben, welche Inhalte gehen, was treibt die Leute an, wie sehen die Lehren f├╝r den Journalismus aus, was kann man davon ├╝bernehmen, wie geht man mit den Lesern um, welche Kriterien gelten f├╝r sie, was ist ihnen egal, warum wird es gelesen, ist es ein Parallelraum zu den Medien, oder eine Kultur? Nach meiner Meinung muss dar├╝ber eine Debatte im Zentrum stehen, nicht nur als meine Thesen und Provokationen, denn nur, wenn man das versteht oder zumindest eine Ahnung hat, kann man ├╝ber alle anderen Folgen von PR bis Deppweb2.0 sinnvoll reden. Da nehmen ein paar zehntausend Leute die Medien selbst in die Hand, k├╝mmern sich einen Dreck um die Vorgaben des Medienbetriebs und machen einfach, aber genau das und seine Ursachen und Wirkungen war einfach kein Thema. Da wollte keiner auf dem Podium richtig einsteigen. Aber nur so erkl├Ąren sich die Ph├Ąnomene, auf deren Basis andere ihre Gesch├Ąfte machen wollen: Die immer gleichen Beispiele von Jamba ├╝ber Irak bis “Du bist Deutschland”.

Letzteres war dann der Punkt, wo es kurzfristig gut spannend wurde, Mann gegen Mann, bei der Frage, welche Motive der Gegenkampagne Cords als Mitverantwortlicher indiskutabel fand. Stichwort Einbringung wenig erbaulicher Momente der deutschen Geschichte. Ich denke, da war einen Moment das bloggen im Raum greifbar, mitsamt Kommentaren und Konflikten. Weil ich mich pers├Ânlich beleidigt f├╝hle, wenn ich Porsche sein soll – also der Typ, dessen Panzer durch das Warschauer Ghetto rollten. Und weil Randgruppen vor dem Holocaustmahnmal in meinen Augen als Gegenansatz extrem peinlich und geschmacklos sind. Da war es mal richtig spannend. Aber nur da.

Darf ich meine W├╝nsche formulieren? Ich darf, ja. Ich h├Ątte gern ein Podium ohne Leute, die man erst mal zum jagen tragen muss. Debatte, Diskurs, Streit, fliegende Fetzen statt Statements und Schulterklopfen. Ich h├Ątte gern ein Podium mit maximal einem PR-Menschen, gerne den Cords, aber dann weniger zu den Risiken des Bloggens als vielmehr zur Frage, wieso PR eigentlich so einen beschissenen Ruf hat, und was man konkret vom Bloggen lernen kann, ohne sich vulg├Ąr in den Markt zu dr├Ąngeln. Aber davor h├Ątte ich gern 2, 3 Leute, die inspiriert sagen, was sie tun und warum sie es machen. Und zwar nicht immer nur Nasen wie mich, Johnny und die Bildblogger, sondern auch die Leute, die Cords als “Big Brother im Online-Container” bezeichnet. Ich w├╝sste gern, was Teenies antreibt zu bloggen, wie sie das erleben. Es wird immer nur ├╝ber sie geschwafelt, aber keiner hat sie mal gefragt. Und dazu einen Medienwissenschaftler, der kein hirnloser Umfragejunkie ist, oder ein Literaturhinweislover oder Interpreteur amerikanischer Studien, sondern einer, der Medien und Blogs versteht und in der Lage ist, f├╝r beide Seiten verst├Ąndlich die unterschiedlichen Aspekte zu ├╝bersetzen, sprich, dem Publikum dient, und noch einer Person: Einem Chefredakteur, der sich mal Gedanken ├╝ber inhaltliche und formale Defizite der Texte macht, die Medien im Moment ausmachen. Wenn man am Ende vielleicht noch dar├╝ber reden k├Ânnte, ob Medien nicht auch die Aufgabe haben k├Ânnten, Leute ans Bloggen heranzubringen, und ob man Gossenprojekten wie Lycos den Markt ├╝berlassen muss – dann w├Ąre es schon. Gern auch unter der gleichen Moderation.