Da├č die neuen Freundin-Blogs nicht das Wahre sind, wurde ja schon vielfach festgestellt. Aber bisher hielt sich die Kritik bei Formalien (Browserkompatibilit├Ąt, CSS) auf – wollen wir doch mal gucken, was das Ganze inhaltlich so hergibt.

Auf der Startseite der Blogs sind erstmal die verschiedenen Blogger in putzigen Frauenzeitungsillustrationen sozusagen abgebildet. Da geht es dann nicht um Menschen, sondern um Typen und Themen, die m├Âglichst ressortkompatibel gerastert werden: Die Singlefrau, die Fernbeziehungsf├╝hrerin, die Heiratswillige, die Mutter. Dann, themenm├Ą├čig: Fashion, Lifestyle, Beauty, Gossip, Food. Da ist die ganze Palette dabei: also die ganze Palette eines ├╝blichen Frauenmagazins, nicht die ganze Palette des profanen Daseins, versteht sich. Frauenmagazin mu├č zuckers├╝├čer Eskapismus sein, weil Frauen das so wollen. Punkt.

Das ist, gelinde gesagt, schade. Blogs leben vor allem von der Pers├Ânlichkeit des Bloggers und seiner Sicht der Dinge. Ich habe nicht das Gef├╝hl, es mit Leuten zu tun zu haben, sondern bestenfalls mit einer Horde Kolumnisten, die ihre Themenfelder beackern.

Warum zur H├Âlle man diese Themen nun in Blogs verhandeln soll, verstehe ich nicht. Gut, es gibt Themenblogs, und am ehesten erschlie├čt sich mir noch der Sinn eines fachm├Ąnnisch gef├╝hrten Ern├Ąhrungsblogs (es hei├čt n├Ąmlich DAS Blog). Aber der Rest? Ist zu informationsarm, um im Heft zu landen, zu schlecht recherchiert, daf├╝r subjektiv und mit pers├Ânlichen Allgemeinpl├Ątzen angereichert. Warum soll ich einem offensichtlich k├╝nstlich generierten Teilaspekt einer Redakteurin beim Heiraten zugucken?

Countdown ins Gl├╝ck: Im August will Julia, 31, ihren Romeo, 33, heiraten. Sie ist sich ganz sicher: Das ist die richtige Entscheidung. Nur manchmal fragt sie sich leise: Kann man ein ganzes Leben mit einem Mann planen? Und wie vor allem plant man eine Hochzeit? Ein Blog zwischen Romantik und Fluchtgedanken, G├Ąstelisten und Tanzversuchen.

Also wiedermal echte Menschen, die ├╝ber ganz echte menschliche Gef├╝hle schreiben und nat├╝rlich wirklich echt existieren. Oder?

Es ist nur so: Romeo und ich, wir kommen beide aus sogenannten schwierigen Familienverh├Ąltnissen. Scheidungskinder. (Ob das traumatische Auswirkungen auf unsere Bindungsf├Ąhigkeit hatte, will ich hier nicht er├Ârtern. Das ist schlie├člich ein HOCHZEITSblog.)

Genau, nur nicht das Thema verfehlen, sonst gibt es eine Sechs, setzen. Bl├Âd nur, da├č das Thema zu verfehlen beim Bloggen geradezu Methode ist und meistens eh zu den besten Texten f├╝hrt. Thema grunds├Ątzlich nicht verstanden, Sechs, setzen. Der Rest ist dann nicht halb so spannend wie der telephonische Bericht meiner kalabresischen Freundin, die versuchte, von Don Giacomo, dem Vorstand der italienisch-katholischen Gemeinde Londons, eine Heiratserlaubnis f├╝r ihren protestantischen Gatten in Spe zu bekommen.

Toll auch Ein B├╝ro, zwei Meinungen. Da arbeiten zwei Frauen, die schon durch ihre Haarfarben gar nicht anders k├Ânnen, als zwei unterschiedliche Meinungen zu vertreten und das nun in aller ├ľffentlichkeit aushandeln m├╝ssen. Die Themen: Gilmore Girls, Britney Spears und so Arztserien im Fernsehen, die ich nicht kenne, aber auch nicht kennenlernen will. Weil die beiden so wahnsinnig unterschiedlich sind, guckt die eine gleich alle Staffeln von Gilmore Girls, die in Amiland erscheinen, w├Ąhrend die andere die deutschen DVDs abwartet, am St├╝ck schaut und danach wieder zur├╝ckspult (ob sie sie auch umdreht, ist leider nicht ├╝berliefert). Na, was f├╝r ein Gegensatz! Ich schmei├č mich weg. Warum die Gilmore Girls so wahnsinnswitzig sind, erfahre ich dann leider nicht. Eigentlich interessiert es mich auch nicht besonders.

Sarah ist Single, und als solcher f├╝hrt sie ein super aufregendes Singleleben:

Aus dem turbulenten Leben einer Single-Frau: Gibt es Mr. Right wirklich – und wenn ja, wie findet man ihn? Sarah, 30, ist seit zweieinhalb Jahren Single und auf der Suche nach der n├Ąchsten gro├čen Liebe. In ihrem Blog schreibt sie von den am├╝santen Abenteuern, die sie unterwegs erlebt. Zum Beispiel von unglaublichen Flirtbe- kanntschaften im Internet, der Tauglichkeit von Spinatlasagne als Aphrodisiakum und lieb gemeinten Kuppelversuchen ihrer Freundinnen…

Ja, das ist nat├╝rlich sehr innovativ, das haben wir noch nie gelesen, sowas. Das Blog hei├čt nat├╝rlich, wenn ihr es noch nicht erraten habt, und wenn nicht, dann nur, weil es so naheliegend ist, da├č man denkt, das darf doch nicht, aber doch, es hei├čt: Sarah and the City. Das ist jung, das ist hip, das ist Trittbrettfahrerei m├Ą├čiger Originalit├Ąt. Sowas lassen die bei Spon nicht mal den Unispiegel-Praktikanten durchgehen.

Sarah kann ├╝brigens S├Ątze schrieben wie: Als Stadt finde ich Krefeld nicht besonders ansprechend, doch es gibt hier und da ein paar kleine Perlen f├╝r gem├╝tliche Sit-In┼Żs. Doch im Sommer hat Krefeld f├╝r alle Biergartenfans ein absolutes Schmuckst├╝ck: Den Stadtwald. Was unter anderem an der absolut traumhaften Lage liegt, in der sich der Stadtwald befindet. Die umliegenden Villen sind schon teilweise fast atemberaubend und wer sich dort ein Domizil leisten kann, der d├╝rfte – finanziell gesehen – sorgenfrei sein.

Das ist schon teilweise fast absolut atemberaubend schmerzhaft. Aber wenn man Sarah Sonnenscheins Prozac-Stil noch einen Absatz weit aush├Ąlt, dann wird einem pl├Âtzlich alles klar:

Ab und zu mal an die Getr├Ąnkeausgabe gedackelt, mir ne frische Cola-Light geg├Ânnt und ne ofenwarme Laugenbrezel zum M├╝mmeln. Dazu ein Buch von Ildik├│ von K├╝rthy (ich liebe diese Frau!) und einige illustre Gestalten, die sich um mich herum auf die Wiese drapierten – perfekter geht’s nimmer!

Sarah, glaub mir, es geht immer noch perfekter. N├╝tzlicher Gedanke ├╝brigens, bevor man einen Blog-Eintrag abschickt.

Oder was soll ich von Fanny Fashion halten? Das verspricht mir Freundin:

Sie l├Ąuft in den hei├česten Outfits durch die Redaktion – nat├╝rlich immer kombiniert mit den passenden Accessoires. Ihre Garderobe ist ein wahrer Kost├╝mfundus u.a. mit ├╝ber 120 Paar Schuhen. freundin-Redakteurin Angelika K├Âhler-Schiessler liebt Mode ├╝ber alles. In ihrem Blog verr├Ąt sie die neuesten Trends, sagt, wie man sie tr├Ągt und pflegt. Und nat├╝rlich beantwortet sie alle Ihre Fragen rund um das Thema Fashion.

Ach so, eine Art Briefkastentante mit eigenem Content? Mein bevorzugtes Modeblog ist ja das hier, das ist eher nicht so briefkastentantig, aber warum nicht? Was schreibt sie denn, die Fanny? Zum Beispiel ├╝ber’s fr├╝hj├Ąhrliche Schuheausmisten:

Auf dem H├Ąufchen „ausmisten“ landen ein Paar Stiefel, unattraktive Schn├╝rsandalen und ein Paar schwarze Ballerinas, fast nie getragen (bei 1,53 Meter K├Ârpergr├Â├če bin ich meist hochhackig unterwegs). Halt, die bleiben, denn Ballerinas sind diesen Sommer schwer im Kommen. Werde mich wohl ab und zu meiner wahren „Gr├Â├če“ bekennen m├╝ssen. Und zu Capri-Jeans und einer schwarzwei├čen Folklorebluse k├Ânnen die ja ganz s├╝├č aussehen.

Ja ganz s├╝├č? Habe ich da wirklich “ja ganz s├╝├č” gelesen? Habe ich da wirklich “schwer im Kommen” gelesen? Und was hat es mit der sogenannten “Gr├Â├če” dieser sogenannten Redakteurin auf sich – meint die nicht einfach ihre K├Ârpergr├Â├če? Ja, aber warum in Anf├╝hrungszeichen? Weil sie so klein ist? Ach so, Sp├Ą├čle wieder nicht mitgekriegt, ich Rindviech ich. Und, mysteri├Âs: Was hab ich mir unter unattraktiven Schn├╝rsandalen vorzustellen? Attraktive Schn├╝rsandalen jedenfalls klingt nach einer dieser Anzeigen f├╝r fu├čformgerechte Rentnerinnenschuhe, die immer auf der R├╝ckseite von Klatschpostillen zu finden sind.

Auch grandios weiterf├╝hrend: der Beitrag “Shopping im Wartezimmer”:

Die Zahnarztgattin verbindet perfekt Hobby (mit sch├Ânen Dingen handeln) und Beruf (Assistenz in der Praxis). Okay, ich lasse mich in den n├Ąchst besten Sessel fallen und verk├╝rze die Wartezeit mit Sonnenbrillen probieren und Ohrringe angucken. Da f├Ąllt mir auf, das ich meine heute vergessen habe und finde doch glatt ein Paar s├╝├če Perlen-Ohrstecker mit Silberkreuz von meiner Lieblingsfirma Pilgrim. Gesehen, gekauft, angesteckt und voller kleiner Gl├╝ckshormone ist dann das Bohren halb so wild…
Prima Idee, oder?

Glatt ein Paar s├╝├če? Hab ich da wirklich “glatt ein Paar s├╝├če” gelesen? Okay, ja, es ist Blog, es ist jung und wild und wir m├╝ssen nicht auf Rechtschreibung oder Deppenleerzeichen achten, und auf da├č/das schon gar nicht. Und schon ├╝berhaupt nicht achten mu├č man darauf, was man da eigentlich f├╝r einen Schmarrn verbreitet. Der einzige Kommentar lautet konsequenterweise auch:

Langweiligstes Blog seit Erfindung des Elektrons.

Danke, liebe unbekannte Leserin namens Anne. Du bringst es auf den Punkt.

Sogar der Klassiker fehlt nicht: Der Quotenmann, der seine geschlechtsspezifische Sicht der Dinge ein bi├čchen kauzig, aber mit gaaanz viel Sehnsucht nach Liebe darlegt und den Frauenmagazinleserinnen suggeriert, da├č alle M├Ąnner eigentlich knuddelbed├╝rftige kleine Jungs sind. Und einen Hund hat er auch noch.

Marcus, 41, liebt Gegens├Ątze. Gro├čstadttrubel und Landleben. Abenteuer und einsame Stille. Gentleman sein, aber auch mal den Macho geben d├╝rfen – und Zeus, 4, seinen Mischlingsr├╝den und treuesten Kumpel. In seinem Single-Blog schreibt er, warum ein Mann mit Hund leichter flirtet, es wahre Treue nur zwischen Herrn und Hund gibt, aber zum wahren Gl├╝ck beiden doch eine zweibeinige Spaziergef├Ąhrtin fehlt.

Und was macht Marcus so den lieben langen Tag? Zum Gl├╝ck sind M├Ąnner und Frauen ja gar nicht so unterschiedlich, beide gehen ins Stra├čencaf├ę:

So einen gem├╝tlichen Kerle-Nachmittag verbringen. Sonne genie├čen. Quatschen.

Und wor├╝ber schreibt Marcus?

Schon zu Schulzeiten waren mir Tageb├╝cher, die meist die M├Ądels f├╝hrten, h├Âchst suspekt. Denn einfach reinzuschreiben, wen man wann und wie gesehen hat, oder was es zu Mittag gab, schien mir auch in jungen Jahren schon immer zu profan. Nunja, gab Freund D. zum besten, dann schreibste eben andere Sachen. Schreib ├╝ber Dinge, die Dich bewegen. Schreib ├╝ber Frauen die Du kennenlernst und was da so passiert. Schreib ├╝ber Deinen Hund. Schreib einfach ├╝ber dies und das und ├╝berhaupt nerv mich doch nicht damit, sondern genie├če das sch├Âne Wetter, genie├če den Tag, genie├če den Anblick der nun endlich wieder nicht so eingepackten Frauen und genie├če den Cappuccino. Alles andere kommt von selbst.

Marcus, ich verrat Dir was: Von selbst kommt nix. Oder nur Mist. Was von selbst kommt, taugt nix. Streng Dich an, Marcus, wenigstens ein bi├čchen. Und dann schreibst Du eine richtige, runde Geschichte ├╝ber etwas, was Dich wirklich bewegt und uns auch und dann, aber erst dann, Marcus, dann les ich das auch ab und zu. Okay, das war’s zum Thema “Was schreiben”, bleibt die Frage: “Wie schreiben?”

Apropos Frage, die am meisten auftauchende Frage ist nat├╝rlich die, da├č man als Mann mit Hund doch sicher st├Ąndig tolle Frauen kennen lernt!

Es hei├čt: am h├Ąufigsten, kennenlernt in einem Wort und tolle Frauen ist ja auch so ein Gemeinplatz, ganz abgesehen von der Holperkonstruktion doch sicher st├Ąndig. Aber bei mir kommt ja auch nichts von selbst, ich schreibe das hier alles noch richtig mit acht Fingern, Tastatur und dabei eingeschaltetem Hirn. Und mit m├Âglichst wenigen Ausrufezeichen. Wie also schreiben? Orthographisch halbwegs korrekt w├Ąre ein Anfang, unterhaltsam ein echter Fortschritt und mitrei├čend – nun ja, das w├Ąr’s nat├╝rlich. Aber dazu br├Ąuchte man Leute, die mitrei├čend schreiben k├Ânnen, und die bekommt man halt nicht f├╝r lau.