Blog-Hype all√ľberall. In der Amica, die ich mir nur deswegen gekauft habe, steht was √ľber Blogs und netzwerken im Internet; nicht viel Neues nat√ľrlich, aber ich bin ja auch nicht Zielgruppe, weil ich √ľber Blogs nicht mehr gro√ü informiert werden mu√ü. Die sind √ľbrigens lustig dort in der Redaktion, die nennen Blogs abwechselnd “der” und “das” und zwar derma√üen schwankend inerhalb eines Artikels, da√ü es schon wieder konsequent ist. Vielleicht haben die aber auch nur Angst vor der b√∂sen deutschen Klowand-Blogosph√§re und wollen es allen gleichzeitig recht machen.

Auch die Literaturen, das mittelneue Blatt, das so altehrw√ľrdig tut, startet eine Reihe √ľber Literatur und Elektronik mit den, in Anf√ľhrungszeichen, Hinterh√∂fen des Internets, die aber wahnsinnig spannend sind. Scheint so, da√ü Blogs die neuen Leseb√ľhnen sind, weil da herkommt, was jung und hip ist oder so √§hnlich.

Die NZZ hingegen belegt Blogger mit der h√§√ülichen Bezeichnung “Zwielichtige Meinungsbildner”, und zwar wegen dieses Vorfalls:

Im Auftrag der Software-Firma Mindjet hat die Z√ľrcher PR-Agentur Jenni Kommunikation Bloggern mit Wohnsitz in der Schweiz Gratisexemplare der Mindmanager- Software angeboten. Jeder f√ľnfte Schweizer Blogger habe das Angebot angenommen, heisst es in einem von der PR-Agentur im Namen von Mindjet verschickten Erfolgsbericht. ¬ęDie Blogger begr√ľssen es, von uns als Zielgruppe und als Meinungsbildner erkannt zu werden¬Ľ, wird in dem Bericht der Leiter der Schweizer Mindjet- Niederlassung zitiert. ¬ęWir erwarten von den Bloggern keine Gegenleistung. Uns geht es vielmehr darum, einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Informationen herbeizuf√ľhren.¬Ľ In einem Blog positiv erw√§hnt zu werden, sei ¬ędie beste PR √ľberhaupt¬Ľ.

Des weiteren geht es darum, da√ü die These des medialen Umbruchs, wie in “Blogs!” thematisiert, Bl√∂dsinn sei. Jaaa, aber – Moment. Das widerspricht sich doch. Bedeutungslos und trotzdem aufgekauft? Ein Hype ohne Revolution? Ja was nun? Massenph√§nomen oder Prominenz? W√§chst die Blogosph√§re in die H√∂he oder in die Breite?

Wohl beides: Hoch und breit. Vielmehr scheint sich der Blog-Begriff der allgemeinen √Ėffentlichkeit √ľberhaupt zu wandeln: Ich habe mich schon verd√§chtig lange nicht mehr als Exhibitionist und Tagebuchschreiber bezeichnen lassen m√ľssen. Langsam scheint eine Gew√∂hnung einzusetzen, da√ü es Leute gibt, die im Netz Texte f√ľr lau zug√§nglich machen. Es scheint auch ok zu sei, da√ü diese Texte mitunter von einem selbst handeln.

Mittlerweile verlagert sich die Poblematik: Kann und soll man denen glauben, was die da schreiben? Oder sind Blogger käuflich? Wenn ja, in welchem Grad? Käuflicher als Journalisten oder weniger käuflich? Oder nimmt man das bei Journalisten eher hin als bei Bloggern, weil der Anspuch von vorneherein ein anderer ist? Oder fällt es bei Bloggern einfach nur mehr auf, weil sie ihre Bestechlichkeit schlechter tarnen? Oder neigen Blogger eher dazu, der mitbloggenden Krähe eben doch ein Auge auszuhacken, weil Ressourcen begrenzt und Geld/Gadgets/Groupies begehrt sind?

Es wird wohl zus√§tzlich schwierig, weil Blogger nicht mehr so ein bunter Haufen sind, sondern sich zunehmend professionalisieren. Aber eben nicht alle. Da geht eine Schere auf: Immer mehr Teenie-Blogs auf der einen Seite, immer mehr professionalisierte A-Lister (nein, ich meine das nicht abwertend, sondern konstatiere das lediglich) auf der anderen Seite. Die meisten davon haben treue Leser und k√∂nnen prima schreiben, au√üerdem brigen sie einen Glaubw√ľrdigkeitsbonus mit. Da liegt es als Firma nahe, sich das zunutze zu machen.

Und jetzt kommen die Feinheiten, n√§mlich das “wie”. Eklig wird’s bei sowas:

Die US- Firma Payperpost erregte zu Beginn des Monats Aufsehen, weil es ihr gelang, mehrere Millionen Dollar Risikokapital zu finden. Payperpost bezahlt Blogger daf√ľr, dass sie Werbebotschaften in Form einer pers√∂nlichen Meinungs√§usserung verbreiten.

Das ist aber eine grunds√§tzlich eklige Praxis, ob das nun Journalisten oder Blogger betrifft. Ob Blogger f√ľr solche unmoralischen Angebote anf√§lliger oder weniger anf√§llig sind als professionelle Journalisten, w√§re noch nachzuweisen. V√∂llig ok hingegen finde ich, wenn, sagen wir mal, ein Verlag mir ein Rezensionsexemplar zukommen l√§√üt und mich dann dar√ľber schreiben l√§√üt. Dann mach ich das gleiche wie ein Jornalist, erhalte vom Hersteller (dem Verlag) die gleiche Leistung wie ein Journalist (das Rez-Ex), nur da√ü ich eben nicht vom Medium bezahlt werde, geht ja auch gar nicht, das Medium bin ja ich. Solange der Verlag mir nicht droht, wenn ich das Ding verrei√üe, ist doch alles in Butter. Da der Verlag auf meiner Seite keine Werbung schaltet, hab ich auch keine √∂konomischen Folgen zu f√ľrchten.

Die einzige Folge k√∂nnte der Verlust meiner Glaubw√ľrdigkeit sein. Das ist ein ganz fragiles Ding, da mu√ü man sehr drauf aufpassen. F√ľrchte den Blogger, wenn er Geschenke nimmt! Das kann Software sein, B√ľcher, Probefahrten … you name it. Wie hei√üt es so sch√∂n: Es gibt keine schlechte Werbung, jede Erw√§hnung bringt Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist der erste Schritt ins Gehirn und schlie√ülich in den Einkaufswagen des Konsumenten. Da mu√ü man gar keine Werbebotschaften verbreiten, im Grunde kann es v√∂llig wurscht sein, was Blogger A √ľberhaupt von dem Produkt h√§lt, solange er es nicht totschweigt. Selbst dann erf√§hrt man ja doch √ľber Umwege von der Kampagne. Und da f√§ngt das Problem an: Wie kann man sich als Blogger √ľberhaupt noch neutral verhalten?

Man könnte daran arbeiten, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen, sodaß man von vorneherein keine unmoralischen Angebote erhält. Oder einfach alles ablehnen, was einem geschenkt werden soll. Man könnte offensiv antikapitalistisch bloggen, dann wird man wohl auch umgangen (von Firmen sicher, von der Leserschaft eventuell).

Ich beobachte bei mir, da√ü ich immer dann die meisten Klicks bekomme, wenn ich mich wortreich √ľber etwas aufrege – vermutlich werde ich deshalb nie eingeladen, wenn irgendwo Schnittchen an Blogger verteilt werden. Und das ist auch v√∂llig in Ordnung so. Auf die Art werd ich zwar nie reich und ber√ľhmt, aber auf die Art wollte ich es ja auch nie werden.

[Nachtrag]
Auch in der Literarischen Welt wird in einer Sammelrezension √ľber Weblogs berichtet, und zwar vom Schriftsteller und DLL-Dozent Hans-Josef Ortheil, auch wieder aus der Literatur-Perspektive.