Ich war die letzten Tage in Frankfurt, und der erste, der mir über den Weg gelaufen ist, war ein Drogensüchtiger auf der Suche nach Geld. Ich brauche immer erst ein paar Stunden, um das zu begreifen, aber so ziemlich alles passte in die Ikonographie der Abhängigen -soweit ich die kenne. Mein Problem ist, dass derartige Leute in meiner Lebenswelt nicht vorkommen, und sollten sie dort sein, lassen sie sich nichts anmerken. Ich kenne zwar ein paar Leute, die eine Weile erhebliche Mengen diverser Tabletten schluckten, aber das äusserte sich nicht darin, dass sie andere auf der Strasse um Geld für die Finanzierung bitten mussten.

Ich bin in der Hinsicht ein Seelchen und sentimental obendrein, und natürlich überlege ich, wieso die so werden, so sind und auch noch andere dazu bringen, auch so zu werden. Drogensucht ist ja eines der Phänomene, das aus sich selbst heraus existiert, selbst wenn die Begleitumstände allen Betreffenden mehr als bewusst sein dürften. Am Ende steht eben ein enormes Ungleichgewicht zwischen der Realität, in der sie Junkies sind, und ihrer Realität der Drogenerlebnisse, die körperlich und psychisch abhängig macht. Die wollen das. Genau so. Wenn man so will: Süchtige osziliieren zwischen den Zuständen sehr unschöner Realitäten und für sie sehr schöner Irrealitäten hin und her, mit der Neigung, den ersten Zustand zugunsten des zweiten Zustandes zu verkürzen.

Ich weiss nicht, ob jemand die Ironie aufgefallen ist: Das Projekt “Der elektrische Reporter” hatte las letzte Folge das Thema “Augumented Reality”, was man Menschen ohne grosse Ahnung vielleicht am besten als eine Art Drogentrip erklärt, nur dass sich die Betroffenen keine Pillen einwerfen, sondern Junk aus dem Internet, angefangen bei mittelschlechten Informationen bishin zu von anderen ausgedachten Hirngespinsten. Das Thema ist ganz gross im kommen bei den angesagten Internetesoterikern, nachdem vieles andere nicht richtig geklappt hat, und natürlich wird diese angereicherte, erweiterte, erleuchtete, verbesserte, wasweisssich Realität auch bei diesem besagten Format gross ausgewalzt. Gleichzeitig ist es aber die letzte Sendung; unter anderem, weil die schnöde Realität des Geldverdienens damit nicht so arg rund gelaufen ist, und den Machern zufolge in eine Art Selbstausbeutung und zu viel Arbeit mündete. Grob gesagt steht also die angereicherte Realität mit dem Netz die “abgereicherte” Realität im wahren Leben gegenüber. (http://blinkenlichten.
com/der-elektrische-reporte
r-macht-ein-paeuschen)

Und da befällt mich dann die Junkiefrage: Warum wird gerade so ein Hosiannah um die tollen neuen Kommunikationsformen im Netz gemacht, und das gerade in einer Zeit, die von Greichenland bis Icesave, von der Staatsverschuldung bis zur Umverteilung für die grosse Masse der Menschen inclusive der Esoheinis eigentlich eine Epoche der massiven Entreicherung ist? Auf der einen Seite sind verdammt unschöne Aussichten in der Realität, auf der anderen sehr blumige Versprechungen eines tollen Leben im Netzes, völlig frei von allen Bedrohungen, die daraus erwachsen, aber gern gekoppelt von Asozialen mit der Forderung nach einem Grundeinkommen auch bei Sonstnichtstun. Jedem müsste eigentlich klar sein, dass hier Realität und Konstrukt massiv auseinanderlaufen, aber es kümmert die einfach nicht, solange sie an ihr tolles neues Internet mit all den Gadgets und Apps kommen. Vielleicht, weil das Internet eine extrem billige Droge ist, die fast nichts kostet, aber jede nur denkbare Flucht sofort erlaubt? Und weil es den Süchtigen erlaubt, sich daraus ein Gefühl zu ziehen, das den allermeisten anderen Nutzern vollkommen abgeht? Warum ist das eigentlich vor allem ein Thema bei einer ganz gewissen Schicht, prekären Existenzen, Hungerleidern, Pfandflascheneintauschern und Billigdönerdokumentaristen? Oder allenfalls jenen, die in Werbungf, PR und Software ein Geschäft daraus machen, sich an der Spitze dieser Bewegung mehr oder weniger erfolgreich zu vermarkten?

Ich tue mir mit der Realitätserweiterung ehrlich gesagt enorm schwer, und bitte dabei zu bedenken, dass ich alles andere als ein Internethasser bin – nur, um die Sache pragmatisch anzugehen: Um mein Leben anzureichern, muss es im Netz einen Reichtum geben, und dieser Reichtum kann nicht die Technik sein, sondern nur das, was die Technik transportiert. Diese transportierten Informationen müssen einen klaren Mehrwert gegenüber der Realität haben, sonst verplempere ich meine Zeit vor allem nach der Suche mit Informationen, oder lüge mir eben selbst was vor. Um mal ein kleines Beispiel zu erwähnen: Das Baptisterium von Parma, wo ich vor kurzem war, ist stark ausgemalt, und die Netzinformationen dazu sind entweder zu vernachlässigen (Wikipedia), oder nicht zu finden und dann nicht für den Zweck optimiert (Google Books nur mit einigem Vorwissen). Und hier geht es nicht um einen mediokren Randbereich, sondern um einen der wichtigsten Baukörper der Architektur zwischen dem Hoch- und Spätmittelalter. Mit jedem Reiseführer, gut bebildert und billig in vielen Sprachen zu erstehen, ist man besser dran als jeder Depp, der zu der Gelegenheit sein Handy zückt. Nur ist es eben kein Internet. Angesichts der Leichtigkeit der Verfügbarkeit der Reiseführerinformationen – und das vor Ort und ohne suchen! – müssten die Junkies seitenweise Elogen auf Reiseführer schreiben, und wie sie die Realität im Gegensatz zum Internet anreichern. Und ich wage die Vorhersage, dass man auch kaum jemanden finden wird, der die nötige Arbeit für so ein netzbasiertes System leisten wird, solange die Menge der in Frage kommenden Internetjunkies so klein ist, wie sie nun mal ist.

Was ich damit sagen will: Wenn einer von denen rumkreischt und erzählt, auf was für einem geilen Trip er mit dem Netz ist, muss ich leider sagen, dass die Droge bei mir nicht wirkt, und es auch keinen Sinn macht, sie weiter zu nehmen. Was aber fraglos etwas bringen würde, ist die manchmal etwas mühsame, nicht schnellschnell mögliche Vertiefung in die Realität, Bücher, Gespräche, Wissen, Nachdenken, Diskurs. Dazu gehört Zeit und idealerweise auch eine Menge Ruhe – und das wiederum sind Dinge, die im schnellen und mobilen Leben der Esoteriker nicht vorkommen, und gern als ihrer Art widernatürlich abgelehnt werden. Dafür brauchen sie eben den schnellen Kick, die Injektion, die Dröhnung, so schnell wie möglich bis zum nächsten Rausch. Dafür – und die Einbildung, etwas kapiert zu haben – taugt das Internet auch, leider. Bleibt als greifbarer Realnutzen also vor allem der Kontakt zu anderen, die ebenso mobil, ruhelos und flüchtig sind. Das aber sind dann auch wieder nur diejenigen, die genau so denken und genau diese Kicks brauchen.

Und wenn sie sich dann treffen, stehen sie zusammen und sagen, dass sie saugeiles Zeug haben und ihnen echt einer abging. (Ist jetzt nicht irgendwann das Jahrestreffen der deutschen Gesellschaft für angewandtes Netzprekariat im Reichshauptslum Berlin?)