In der schlechten alten Zeit der New Economy der Munich Area wechselte man mitunter schnell seinen Job: Als die Startups st├╝rzten, suchten Investoren h├Ąnderingend nach Interims-Management, das die schlingernden P├Âtte nach Jahren der Vers├Ąumnisse doch noch auf den richtigen Kurs brachten. Dazu holte man sich Berater, und unter denen war es ├╝blich, dass man vor Amtsantritt den neuen Job feiern ging und dabei ganz fiese Worst Case Szenarios entwarf, was den Scheidenden dann wohl erwarten w├╝rde: Schwarze Kassen, unk├╝ndbare Seilschaften mit Irrsinnsforderungen, an Strohm├Ąnner verkaufte oder v├Âllug verhunzte Core Assets, hinterfotziges Middle Management, das noch schnell ein paar Riesenfehler macht, um den Neuling gleich zu Beginn in Altlasten ersticken zu lassen. Das war als Aufmunterung gedacht, in der Hoffnung, dass es nicht so schlimm kommen w├╝rde. Manchmal war es v├Âllig ├╝bertrieben, die Firma war ok und die Leute nett, oft aber war es genau das, was passierte.

Jetzt, ein halbes Jahrhundert Jahrzehnt sp├Ąter, tritt die bekannte Bloggerin Lyssa ├╝bermorgen in einer ├Ąhnlichen Position und mit vergleichbarer Aufgabenstellung bei der Lokalzeitungsgruppe der WAZ an, im tiefsten Ruhrpott, was ja vor Ort bereits zu einigen ├ťberlegungen bez├╝glich des Wesens des Jobs und der WAZ gef├╝hrt hat. Alle sind sich wohl einig, dass es eine Riesenaufgabe wird, das verstaubte Internetding der WAZ neu zu takeln und auf Kurs in die web2nullige Zukunft zu bringen. Und deshalb m├Âchte ich hier auch in guter alter Tradition ein Worst Case Szenrario entwickeln: Was w├Ąre das ├ťbelste, was man in der WAZ der an Bord gehenden Kapit├Ąnin im letzten Moment antun kann, nachdem man schon die Sensation ihres Kommens feige an die Konkurrenz verraten hat.

Ich stelle mir das so vor: Der Angriff kommt frontal im Zentrum. Nicht bei einer kleinen Redaktion in Recklinghausen, sondern daheim. In Essen. Dem absoluten Kernmarkt. Gleich zeigen, wer hier anschafft. Bevor Lyssa irgendeine Strategie entwickeln kann, wie man die Essener dezent und intelligent an das neue Thema Bloggen heranf├╝hrt und damit eine gesunde Basis f├╝r einen ordentlichen Themenmix hat, wird gleich mal der Rahm der geltungss├╝chtigen Spinner angefordert, mit einem Depperlclaim wie:

Lust auf Blog? Dann schreiben Sie los! Ihr Leben ist aufregend? Sie haben eine Menge zu berichten? Und Spa├č daran, ein virtuelles Tagebuch zu schreiben? Dann melden Sie sich bei uns und sprechen Sie mit der Online-Redaktion ├╝ber die M├Âglichkeit, auf WAZ.de ein Weblog zu schreiben. Wir freuen uns auf Ihre Mails an wazonline@waz.de

Um den Lesern dann zu zeigen, wie “cool und sexy” das sein kann und wie “das geht”, zieht man schnell noch ein Blog ├╝ber den Kernmarkt Essen auf und nennt es mit einer Menge 50ies-Charme “Essener Ansichten”. Ja, das gibt es sonst nur bei uns in Gelsenkirchen*.
Und als leitenden Blogger nehmen wir nicht irgendwelches junges Gr├╝nzeuch, das sowas schon mal gemacht hat, sondern einen gestandenen Mann jenseits der 50 mit einem internetaffinenen Hobby wie – Briefmarkensammeln! Jawoll! Was will die Jugend mit Flickrbildern, wenn die Welt in Bildern auf belecktem Papier in die Redaktion kommt. Und nat├╝rlich setzen wir auch ein Bild von ihm rein, das sofort zeigt: Junge Zielgruppe, dat hier is der Herbergsvater. Und das sagt er auch gleich in seinem ersten Eintrag:

Jetzt bin ich hier der Blog-Wart.

Boh! Ein Witz! Und was f├╝r einer! Harald Schmidt kann da in die Lehre gehen und Tonnen schwarzer Humorkohle brechen. H├Âh├Â! Und um das abzurunden, sagt der neue Betreuer auch noch gleich, dass er von Computern nicht so die Ahnung hat, vor einem Jahr nicht wusste, wat dat is, ne, son Block oder Blog. Und dass er quasi vom Chefredakteur einfach so bestimmt wurde, trotz fehlender Qualifikation, die auch gleich in der Schreibe zum Ausdruck kommt:

da mussten sie ja so ein Blog-Head wie mich als lokalen Head-Blogger nehmen.

Kurz, vor dem Antritt von Lyssa macht man noch schnell alle aber auch wirklich alle Kardinalfehler, die man machen kann, um so ein Blogprojekt scheitern zu lassen. Dazu sucht man sich als Coautoren auch noch zwei Vertreter anderer reformierungsbed├╝rftiger Schlingerschiffe, der Kirchen n├Ąmlich, wie den Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Werden und Superintendent des Kirchenkreises Essen-S├╝d. Und l├Ąsst ihn schreiben:

In der Bibel hei├čt es: Unser Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern? des Friedens!. Also kein Gott der Unordnung, aber auch kein Gott der Ordnung, sondern des Friedens. Frieden ist das ganze Leben. Und auch der kommt ohne Ordnung nicht aus. Wenn man die Welt nur ordnen k├Ânnte wie einen Schreibtisch oder ein B├╝cherregal. Die Nachrichten aus Nahost erschrecken. Sonntag wird das Schlussgebet wieder einmal zum Friedensgebet werden m├╝ssen.

Vielleicht gibt es bald ja auch attraktive, spektakul├Ąre Videobilder aus der Kirchencommunity. Lyssa k├Ânnte dann mal versuchen, die Kirchenm├Ąnner und Vertreter von Minderheiten auf bloggende Linie zu bringen – das w├╝rde sicher ein Spass im Kernmarkt, sich gleich mal mit den Gottesm├Ąnnern anzulegen oder sie gleich rauszuschmeissen, bevor sie noch mehr Schaden anichten. Ob sie das k├Ânnte, w├Ąre nochmal eine andere Frage, denn nach eigenen Worten wollte das ja der lokale “”Head-Blogger” ├╝ber seine Praktikanten machen.

Um Lyssa noch zum Head Banger zu machen, m├╝sste man ├╝ber alles noch so ein lustiges Bildchen setzen, eine Ansicht von Essen und dar├╝ber ein Heft, in dem steht: “Mein pers├Ânliches Tagebuch!” Und dazu gemalt ein naives rotes Bl├╝mchen. Dann h├Ątte man erst mal ab dem 26. Juli Strukturen einbetoniert, an denen sich die Neue abarbeiten kann, dumpf, grenzwertig bl├Âd, ahnungslos und garantiert so, dass es keine alte Sau interessiert und erst mal abgerissen werden muss, bevor es irgendwie los gehen kann.

Ja, man h├Ątte also einiges gelernt seit dem Bau des Westwalles gegen die anst├╝rmenden Kr├Ąfte des Lichts, die den Mief tausendj├Ąhriger Dummheiten beseitigen wollen. Die brutale Schlacht des Huertgen Forrest w├╝rde sich gegen so einen in den Blogs verschanzten Gegner wiederholen, da g├Ąbe es viel zu tun und Spass w├Ąre das auch keiner, bei blutroten Bl├╝mchen im Header. Sowas nenne ich ein Worst Case Szenario.

Aber das muss ja in den letzten Tagen vor Amtsantritt nicht gleich so schlimm kommen, nehme ich an.