Es ist immer so eine Sache mit Ger√ľchten. Gerade momentan. Bei einigen bekannteren Bloggern gibt es Kommentare, die besagen, sie w√ľssten, dass einige “Moralapostel” selbst auch schon schmutzige Dinge gemacht haben, im Graubereich zwischen PR und freier Meinungs√§usserung. Was dann zur Folge hat, dass andere daraus sehr kurze Schl√ľsse ziehen und dann gerade noch rechtzeitig informiert werden, bevor sie etwas schreiben, das weder klug ist, noch den Tatsachen entspricht. Der kurze Gedankengang geht so: K√§uflicher Blogger A. ist vor allem mit nicht k√§uflichem Blogger B. zusammengerauscht, also meint er mit dem Gemunkel offensichtlich B., gegen den Blogstricher C. auch was hat – und der schreibt das dann so, wie er meint, dass es A. gemeint haben k√∂nnte. Es wird immer nur getuschelt, nie sagt mal einer, wie es wirklich ist. Gut, √§ndern wir es. Reden wir dar√ľber.

++++ DER MARKT ++++

Es ist so in diesem Gr√ľppchen, das man als “A-List” bezeichnet und vielleicht 50 bis 80 Personen umfasst: Es gibt viele Angebote f√ľr alle Arten von Werbung und PR, von den verst√§ndlichen bis zu den gesetzlich nicht zul√§ssigen Varianten. Die meisten Angebote sind – nach meinem Verst√§ndnis von publizistischer Verantwortung, andere sehen das anders – bei der unsch√∂neren Seite angesiedelt, namentlich geht es den Auftraggebern meist um das Einbinden des eigenen Blogs und die restlose Vermischung von Werbung und eigenen Inhalten. Es g√§be weitaus mehr Angebote, wenn die bisherigen Reaktionen freundlicher ausgefallen w√§ren (manche werden wissen, dass dieses kleine Blog hier mitunter einen gewissen Beitrag leisten durfte), und Agenturen w√ľssten, wie man sich an welche Charaktere ranmacht. Das Problem der Agenturen ist, dass sie ohne vorhandene Blogger Kunden nicht sinnvoll ansprechen k√∂nnen, und ohne Kunden keine Blogger. Die halbgaren L√∂sungen sind unterhalb der A-List die Gestalten, die sich an Firmen wie Trigami und Trnd mittelfristig als Teil einer Testcommunity vermieten. Oder eben F√§lle wie der aktuellen Bloggergeschichte rund um die Sony Playstation, bei der der Impuls dem Bernehmen nach von einem Blogger kam. Es ist sehr schwer, so etwas nicht mit dem Rotlichtmillieu zu umschreiben; ich bitte aber die Leser, sich statt billigem Laufhaus und teurem Callgirl bei Ersteren lieber einen Haufen Sachbearbeiter in s√ľditalienischen Beamtenstuben vorzustellen, dem alles egal ist, solange am Monatsende das Geld woher auch immer auf dem Konto ist. Und im zweiten Fall eher die bekannten Gestalten der Politikberatungsszene, die die grossen Gesch√§fte ohne Zuh√§l Mittelsm√§nner selbst in den Hinterzimmern der Macht ausbaldowern.

++++ DAS GESCH√ĄFT ++++

Ich weiss aus vertraulichen Gespr√§chen nat√ľrlich viel, wor√ľber man munkeln k√∂nnte. Weil es aber gerade passt, kann ich mal davon erz√§hlen, was mir so alles angeboten wurde.

Journalismus:

Da sind erst mal die rein journalistischen Angebote. Die liegen f√ľr normale Artikel so in etwa beim zwei- bis dreifachen, was ein normaler freier Journalist verdient. Das ist gerechtfertigt, weil ich zum Spezialthema Blogs eine bessere Leistung zu bringen in der Lage bin, als irgendein dahergelaufener Prakti. Manchmal – aber das ist wirklich die Ausnahme – geht es explizit darum, den Torpedo an Bord denn irgendwo im Wasser zu wissen. Die meisten dieser Anfragen finden in Verbindung mit der Blogbar statt. Wenn ich den Eindruck habe, dass es passt und dass ich absolut freie Hand habe, gehe ich darauf ein. Es gab und gibt auch Versuche, mich komplett einzukaufen. Als Journalist w√ľrde ich nicht nein sagen, wenn ich den Eindruck h√§tte, dass ich hier so weiter machen k√∂nnte, wie bisher, und der Medienkonzern eine langfristige Kooperation will. Genau das ist aber das Problem: Meines Erachtens wollen Medienkonzerne schnell was aufreissen – und wieder einstampfen, wenn es nicht den W√ľnschen entspricht. So kann man nicht bloggen. Abgesehen davon haben sie meist kein Verst√§ndnis von der Welt hier draussen. Damit bin ich aber in einer durch dieses Blog und meinen Beruf bedingten Sondersituation innerhalb der A-Lister.

Das Kl√ľngeln:

Was normalerweise sehr viel h√§ufiger ist, sind Angebote f√ľr Produkt- und Firmenvorstellungen. Ich weiss von den anderen Kollegen, dass sie auch ziemlich viele Anfragen bekommen; die meisten h√§tten das gern umsonst. Gleiches gilt auch f√ľr Beratungsleistungen. Es gibt da aber eine Gruppe, die durchaus zu zahlen bereit ist. Das geht vom geldwerten Vorteil der Reise, Unterbringung und kostenlosem Testzugang bishin zu etwas, das ich als Bestechung bezeichnen w√ľrde. W√§hrend der Hochphase der Auseinandersetzungen von StudiVZ klopfte bei mir eine neu gegr√ľndete Firma im Stealth Mode an, die mich dringend als Berater haben f√ľr einen Bereich haben wollte, f√ľr den ich wahrlich nicht kompetent bin. Die Macher: Hochgradig holtzbricknah. Die sch√∂nste Mail dieser Zeit kam von jemand, der sein Geld in Aufl√∂sung sah, und enthielt nur einen Satz: “Was muss ich tun, damit Du aufh√∂rst.” Ich habe einen Angebot gemacht: Ein Silbertablett – mit einem gewissen Kopf drauf. Wurde aber abgelehnt ;-) Auch das sind wieder Extremsituationen.

Die Beratung:

Man darf aber davon ausgehen, dass eine Reihe von A-Listern um Rat gefragt werden und daf√ľr auch Geld nehmen. Soweit ich das beurteilen kann, ist den Anfragenden die Beratung weitaus wichtiger als ein netter Testbericht zu ihrem Dienst – bedauerliche Ausnahmen best√§tigen die Regel. Zu meiner Person: ich habe w√§hrend der New Economy als Berater meine Zeit in der H√∂lle gedient, ich mache das nie mehr. Die Bezahlung ist da aber nicht schlecht und kann durchaus vierstellige Betr√§ge am Tag erreichen. Was immer noch billig ist, sieht man sich die diversen teuren und peinlichen Blogpleiten an, die durch gute Beratung h√§tten verhindert werden k√∂nnen.

Rotlicht:

Was nun Marketing- und PR-Aktionen angeht, gibt es ein Problem, das uns alle sicher noch lange besch√§ftigen wird: Der Unterschied zwischen dem, was sich A-Lister als “Meister des Faches” vorstellen und dem, was sie aus Sicht der Kunden sind – irgendwelche komischen Internethansel mit ein paar tausend Lesern, die genauso schr√§g drauf sind. Im besten Fall also entweder etwas f√ľr eine Kleinstkampagne (siehe etwa Zippo bei Spreeblick und IT&W oder die Toten Hosen), etwas Kleines bei einer gr√∂sseren Kampagne, das auch mal schief gehen wird kann (Die Killercoke-WG oder die Sony Playstation), oder ein Versuchsballon (Opel oder VW und Schl√§mmer, dessen Quoten gerade stark nach unten gehen). Aber nichts wirklich Grosses. Meist wird dann noch mit eigenen Mitteln ein Projekt wie das Reiseblog vor die Wand gefahren –

statt das zu tun, womit in der A-List unverhohlen gerechnet wird: Dass jemand mal richtig Geld in die Hand nimmt, um mal was richtig Grosses zu machen. Man verstehe mich nicht falsch, ich halte es f√ľr durchaus angemessen, gute Leute f√ľr gute, langfristige Jobs anzustellen, von mir aus auch in PR und Marketing. Aber genau das passiert nicht. Im Vergleich zu den Budgets, die Konzerne heute schon in Second Life versenken, sind die Deals mit den deutschen Bloggern echte Hungerl√∂hne. Ich kenne zuf√§llig die Kosten der Evaluation, Beratung und Entscheidungsprozesse eines grossen Konzerns, der bei Second Life nach diversen Pornoerkenntnissen jetzt doch nicht will – daf√ľr h√§tte man eine Redaktion mit 10 Leuten ein Jahr lang ein Blog schreiben lassen k√∂nnen, das alle Aspekte der Firma nach draussen ordentlich vertreten h√§tte. Ich bin mehrfach gefragt worden, ob ich nicht Lust h√§tte, bei einem PR-Blog mitzuschreiben – die Antwort war stets Nein. Nicht, weil ich niemals PR machen w√ľrde – die Blogbar selbst war zu Beginn ohne jede Frage das PR-Blog f√ľr das zugrunde liegende Buch. Sondern weil weder das gegenseitige Verst√§ndnis noch das n√∂tige Vertrauen und Budget da war. Vor allem aber: Man h√§tte sich mit Leuten und Produkten identifizieren m√ľssen, f√ľr die ich nicht brain dead genug bin. Der Glaube, man k√∂nne in solchen Situationen wirklich schreiben, was man wolle, ist entweder falsch, oder eine wissentliche L√ľge.

Und das wiederum ist nichts blogspezifisches. Das passiert in den Medien genau so. Wer nicht kuscht, bekommt zwar sein Geld, aber danach macht es die Runde, dass er nicht kontrollierbar ist. Wer sich auf so etwas einl√§sst, gilt am Ende beiden Welten als besch√§digt oder unbrauchbar, und die PR ist da weitaus h√§rter als die Blogosph√§re. Das ist Kapitalismus: Wer einem Geld gibt, erwartet, dass er nach Steuern und Abgeben mehr dadurch bekommt. Beim PR-Bloggen bedeutet das, dass man entweder als – und jetzt mag ich nicht mehr anders, ich sage es einfach: ZUH√ĄLTER seine Leser verscheuert, was manche toll und andere weniger gut finden. Oder man ist so gut, dass man unabh√§ngig von der eigenen Leserschaft die publizistische Kraft so umsetzen kann, dass es sich mit einem neuen, klar als PR gekennzeichneten Blog lohnt. Aber da ist den allermeisten Agenturen das Risiko eines Fehlschlags zu gross. PR, die meinen Anforderungen entsprechen w√ľrde, w√§re letztlich wieder unabh√§ngiger Journalismus. Und den kauft keiner aus der PR, wenn er da draussen Kohorten Johurnaille f√ľr ein schlechteres Mittagsessen bekommt, oder einen Haufen verstrahlter RTLII-Bloggerclones, oder Zillionen anderer k√§uflicher Deppen. Der Umstand, dass bei den Torah-Whoras PRlern bei SinnerSchrader von “Mavens” gejiddelt wird, die sicher keine Blogger sein werden, zeigt das jenseits der philosemitichen Verpackung recht sch√∂n auf. Wenn ich das als ethnisch Betroffener mal so deutlich sagen darf.

Veranstaltungen:

Bleiben noch die Auftritte auf Kongressen. Da beginnt die Preisspanne bei 0 Euro selbst bezahlten Fahrtkosten und endet bei einem vierstelligen Betrag f√ľr Firmen, die sich mal so einen Blogwauwau halten wollen. F√ľr manche ist es auch einfach eine gute Gelegenheit , auf den Stri m√∂gliche Neukunden kennen zu lernen, oder sich mit dem Veranstalter gut zu stellen. Aber dadurch wird keiner Million√§r. Und es ist auch nicht jeden Woche ein Kongress, der genug zahlen w√ľrde, um ein sicheres Einkommen zu garantieren

++++ SCHLUSSFOLGERUNG ++++

Die meisten A-Blogger werden, ohne dass ich hier jemandem zu nahe treten will, irgendwann wieder in geregelte Arbeitsverh√§ltnisse der Kommunikationsbranche eintreten. Denn die digitale Boheme verliert ganz schnell ihren Reiz, wenn die Nachzahlung der Bewag kommt, und keine Reserven da sind. Insofern ist das deutsche A-List-Business nichts, worauf man irgendwie neidisch sein m√ľsste. Es ist auch nichts, wo man unbedingt sein sollte. Man lernt viel √ľber Menschen, was man gar nicht wissen wollte, es ist ein gotterb√§rmlicher Zickenhaufen mit massenhaft Filz und falschen R√ľcksichtnahmen (ausser nat√ľrlich f√ľr die Gegner, wo jedes Mittel recht ist, solange es dem eigenen Zwecken und der Freude des

Genug geschrieben. Kurz: Die Luft ist d√ľnn hier oben und dick zugleich, es liegt massenhaft M√ľll auf dem Gipfel rum, die Fernsicht geht nur bis zum n√§chsten Arschloch, die Himmelsleiter ist eine Legende, das Essen ist mies und die Drinks sind billig, und f√ľr alle tollen Menschen, die man sonst so hier draussen kennenlernt, f√ľr alle Kultur, die man hier erschaffen kann, f√ľr alles Grosse und Wunderbare, das die Blogosph√§re so riesig gemacht hat, dass sich jetzt ein paar Deppen aufgrund irgendwelcher dummen Listen “oben” w√§hnen – f√ľr alles das Sch√∂ne muss man kein A-Lister sein.

Echt nicht.

Inspiriert von den Klagen der Chefin