Ich bin alt. Zu alt wahrscheinlich. Ich war schon dabei, als die New Economy gerade aus dem D├╝nger der Medienagenturen und der Beratungsfirmen spross, und ich habe in den langen Jahren bis zum Hype und dar├╝ber hinaus schon so ziemlich alles geh├Ârt, was man so an Visionen hatte. Gerade im Bereich Medien.

Hat man 1999 in diesen Kreisen behauptet, das Internet w├╝rde bis 2005 nicht die Medien bei den Kernzielgruppen der Werbeindustrie weitgehend abl├Âsen, galt man als Pessimist, Miesmacher oder schlichtweg als Idiot. Es gab damals enorme Zuwachsraten beim Broadcasting im Internet. Warum sollte jemand Zeitung lesen, wenn er auch alles digital haben k├Ânnte? Beim Fr├╝hst├╝ck liest kein Mensch mehr Zeitung, da geht man gleich ins B├╝ro, holt sich vom kostenlosen Kaffee und Obst und liest nebenbei, was im Netz auf die eigenen W├╝nsche zugeschnitten ist. On demand. Immer aktuell. Ohne Altpapier.

Und danach kommt das Radio. Hohe Kompression bei fallenden Verbindungsbeg├╝hren. Mit DSL stirbt das alte UKW, mit UMTS kommt es auch ins Autoradio. Dann wird es auch kein klassisches Radio mehr sein, sondern on demand. Ausgew├Ąhlt aus ein paar hundert Streams, ohne Moderation, aber das Gequatsche nervt sowieso. Und danach kommt auch Internet-TV – das ganz grosse Gesch├Ąft. L├Ąuft ein Serienstar mit einem Pulli durch die gegend, kann man das Bild anklicken, dann erscheint der Onlineshop. man kann den Pulli kaufen, und danach weitergucken. Das wird ganz gross, das ist die Zukunft.

Jeder sollte heute begriffen haben, dass

– klassische Medienh├Ąuser nach wie vor Gewinne mit Print erzielen
– Onlinemedien verflucht teuer sind und bislang kaum refinanzierbar
– Internet-TV trotz versenkter Milliarden ein Nischendasein f├╝hrt und
– Internetradio oder was davon an Winzprojekten ├╝brig ist von der Gema geschlachtet wird.

Und das, obwohl zwischen 1997 und 2001 erheblich mehr Geld in die Entwicklung solcher Ideen geflossen ist, als in die normalen Medien. Was dann zur Medienkrise von 2001 bis heute f├╝hrte – kein Wunder, wenn man aufs Gas steigt, falsch abbiegt und voll bewusst am Ende der Einbahnstrasse an die Wand knallt. Das war die New Economy.

Und jetzt ist es 2005, und der ganze Bullshit, mit Verlaub, wird erneut serviert. Mit ein paar neuen Buzzwords – Blogs werden die Textangebote, Internetradio ist Podcasten, Internet-TV sind Videoblogs, On Demand heisst RSS. Das ganze kriegt auch einen schmissigen Oberbegriff: “Open Media Network: Die Zukunft von Fernsehen und Radio.” Kurz, was mit Milliardenaufwand von grossen Firmen vergeigt wurde, sollen jetzt die medienaffinen Enduser selbst machen, in ihrer Freizeit. Kostenlos nat├╝rlich auch. Peer to Peer, nur in der Mitte sitzt eine Firma, die wohl auch irgendwie ihr Geld verdienen muss. Aber da fragt keiner, weil es ja sozial ist: Social Software. Sozial ist per se gut, auch wenn es nur ein Branding ist. Aber das muss ja keiner merken.

Zumindest bekommt man mit dieser neu aufgekochten, frisch gew├╝rzten

SCHEISSE

Raum in den Medien. Auch wenn es letztlich nur die Idee der Syndication von usergenerated Content ist, was 2001, nach dem Crash, nochmal das grosse Ding werden sollte. Aber um das zu wissen, muss man ein alter Sack sein, und darf kein Interesse an einem neuen Hype haben, der dann wieder die altbekannte Kamarilla aus stundensatzgeilen Beratern, Journaille und Abzock-Unternehmern nach oben sp├╝lt. Die solche Worte auch nicht m├Âgen werden, weil sie, siehe oben, ja social und P2P sind und die Beteiligung der User toll finden. Nein echt. Die wollen uns nur helfen, unsere Person besser im Internet zu verbreiten. Und keine Fragen h├Âren, wie:

– Wo kommt die Bandbreite her? (jaja, 1000 Mbit in Korea, ich weiss, aber hier bei uns?
– Text in Blogs geht noch, aber Radio? Schon mal einen Normalo moderieren geh├Ârt?
– Selbst wenn er sprechen kann – wer soll sich die komisch geschnittenen Videos anschauen?
– Und wenn er Radio macht – wie ist das mit dem Urheberrecht, noch dazu, wenn im obigen Beispiel Microsofts Digital Restriction Management dabei ist?
– Wer soll sich das alles als Nutzer antun – und warum?

Texte schreiben ist etwas, was wir alle in der Schule lernen. Radio und Video muss man gesondert lernen, sonst klingt das ├╝bel und sieht scheisse aus. Wenn man es lernt und anwendet, kostet es Geld und Zeit. Wenn mann es dann “narrowcastet” – nochmal so ein Buzzword Bullshit, gleichbedeutend mit den fr├╝hrem “Reaching target audiences” – muss man erst mal jemanden damit erreichen. Die meisten Blogleser und Interentnutzer machen das im B├╝ro – dort wird man sich f├╝r die zus├Ątzlichen Gigabytes und die Online-T├Ątigkeigt bedanken.

Nichts gegen Podcasting. Nichts gegen selbstgedrehte Videos im Netz. Kann jeder machen, anything goes. Aber bitte keine New Economy reloaded.