Es war diese Aktion vom Bildblog, als sie ihre Leser aufforderten, Bilder des Bild-Chefredakteurs Kai Dieckman zu machen und ihnen zu schicken. Das war der Punkt, an dem ich und andere das Gef√ľhl hatten, dass die Macher inzwischen ein wenig den Bezug zur Realit√§t verloren hatten. Es gibt da dieses Wort “Wenn man zu lange in den Abgrund starrt, starrt der Abgrund in einen hinein”, und ich vermute, dass es genau dieser Mechanismus ist, der das Bildblog in diesem Punkt exakt auf das Niveau der Bild sinken liess, ohne dass Stefan Niggemeier einen Zweifels an der Vertretbarkeit dieses Aufrufs zur mutmasslichen Pers√∂nlichkeitsrechtsverletzung erkennen liess. (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/warum-nicht-kai-diekmann-fotografieren)

Andere sahen das anders, und waren hellauf begeistert, es dem Dieckman mal heimzuzahlen. Damals war eine gewisse Dynamik erkennbar, und ich fragte mich, was Bildblogleser eigentlich f√ľr Leute sind. Kann es sein, dass manche von denen das Bildblog und seinen Frontmann Stefan Niggemeier toll finden, weil sie dort mit einem Gef√ľhl der moralischen √úberh√∂hung den gleichen Thrill erleben k√∂nnen, den die BILD ihren Lesern mit Schmutz, Schund und Sensationsschmiere liefert? Und ist es denkbar, dass beim Bildblog im Kern der gleiche Mob johlt, nur eben mit dem gef√ľhl, man sei damit voll im Recht und tue auch noch etwas gutes?

Gestern nun hat Stefan Niggemeier auf seinem eigenen Blog, dessen Leser zumeist auch das Bildblog lesen d√ľrften, √ľber Alice Schwarzer geschrieben (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/schwarzer-humor). Die Feminstin und Emma-Herausgeberin hat sich gegen Bezahlung f√ľr ein Werbeplakat der BILD zur Verf√ľgung gestellt, das Geld aber f√ľr einen guten Zweck gespendet. Die Begr√ľndung von Frau Schwarzer, die in der Werbeserie der Bild nicht nur M√§nner sehen wollte, kann man nat√ľrlich hinterfragen, und ob das die kl√ľgste und ihrer eigenen Biographie angemessenste Handlung war, kann man diskutieren. Wenn man nicht gerade zu denen geh√∂rt, die Stefan Niggemeiers Vorgehen gegen “dieses bigotte, frauenverachtende Blatt” dadurch beklatschen, dass sie folgende ausgew√§hlten Aussagen (ohne Anspruch auf Vollst√§ndigkeit) in den mittlerweile 124 Einlassungen bringen, von denen Stefan Niggemeier wohl auch Kenntnis haben d√ľrfte, denn ein Kommentar wurde editiert. Alles andere von hier unten steht jetzt, Freitag 10 Uhr, noch da:

wie kann man eigentlich ne √§ltere und voll bekleidete frau auf ne plakatwand packen? es gibt doch gen√ľgend junge und hei√üe chicks!
(darauf bezogen) Das war mit Abstand das Beste was man zu dieser Diskussion beitragen kann :-)
ich meine damit u.a. auch den kleinen St√§nder in K.D.’s Hose, als er das Motiv gesehen hat.
Darf man Alice Schwarzer “eine Hure” nennen?
sich auf dem Springer-Strich prostituiert hat
Sie ist alt und braucht das Geld.
Ihre Begr√ľndung f√ľr die Teilnahme ist l√§cherlich ‚Äď aber das sind die meisten sonstigen √Ąu√üerungen Schwarzers auch.
..es hat einfach Ihrem sowiesoschon profilierungss√ľchtigem Ego geschmeichelt, gefragt zu werden. Wann sagt ihr endlich jemand, dass der Geschlechterkampf weitgehend ausgefochten ist und man ihr Gesicht nicht mehr braucht‚Ķ
da wir von einer annerkennungss√ľchtigen querelerin reden, die immer im mittelpunkt stehen will, dies aber im alter nicht mehr schafft, da kommt der kai ins spiel
Ich habe einfach mal ein paar Adjektive, die mir bei ‚ÄěAlice Schwarzer” und ‚Äěfr√ľher” in den Kopf gekommen sind aufgeschrieben. Darunter ist auch das Adjektiv ‚Äěsch√∂n”.
Jahrelang kämpfte sie gegen die Oben-Ohne-Fotos auf den Titelseiten, um nun selbst zu einer bekleideten Ausgaben der selben zu verkommen!
Ja, fast lustig, wenn man nicht genau w√ľ√üte, dass diese bigotte Hirnschwurbel Generationen von jungen und mittlerweile nicht mehr ganz so jungen Frauen komplett Partnerschaftsunf√§hig gemacht h√§tte, mit ihrem Geschw√§tz vom Patriachat, Ungleichheit, Sexismus usw. […] Ich danke also im Namen aller M√§nner f√ľr die gelungene Beweisf√ľhrung, dass Frauen doch nicht die besseren Menschen sind und die Emanzipation auch nur irgendein leeres Gefasel war, um die hirnlose Masse von Idealistinnen am Nasenring durch die Manege zu f√ľhren. Wie f√ľhlt ihr euch, Ladies? Scheisse, was? :-)
Schadenfroh und Gehässig verbleibt,
Die Zahl der Frauen, die ihre Seele und ihren Körper verkaufen, hat sich um eins erhöht.
Frau biedert sich halt da an wo noch nen Funken √∂ffentlichkeit f√ľr sie hergestellt wird. Und wenn es nur ne Bushaltestelle ist‚Ķ
Wenn Ihr Bild gro√ü plakatiert wird, w√ľrde AC selbst f√ľr ‚ÄěSuperm√∂pse” als Model bereitstehen. (sagt Dummy-Chef Oliver Gehrs, btw)
Spontan w√ľrde ich sagen, die Frau wird alt und senil.
Auch eine Frau Schwarzer macht’s f√ľr Geld
Na ja, jung war sie schon‚Ķ aber h√ľbsch oder gar eine ‚ÄěFlotte Biene”? Mir f√§llt dazu eher ne ger√§uschvolle Hummel ein und aus der wissenschaftlichen Hummelforschung gibt es etwas Neues, was vielleicht auch nicht hilft
Einerseits (zu recht) die verhurung der Frau in ‚ÄěBILD” anklagen und andererseits f√ľr Geld etwas tun, was eigentlich gegen die eigene √úberzeugung geht.
Ich, Jahrgang 1968, bin wahrscheinlich einfach zu jung (hach, dass ich das mal schreiben kann, ist das schön), um mich daran zu erinnern, dass Alice Schwarzer mal eine intelektuelle, feministische, brillante, intelligente, integere, wagemutige, alerte, schöne, sympathische Frau gewesen sein soll.
warum sollen nicht auch Frauen publicitygeil, korrupt und skrupellos sein d√ľrfen?
Man sollte gn√§dig dar√ľber hinwegsehen, Alice Schwarzer ist alt und braucht das Geld.
Diese Frau hat ihre gesamte Intellektualit√§t mit dieser Kampagne √ľber Bord geworfen.
Ich pers√∂nlich vermute, sie kompensiert einfach ihren lange unerf√ľllten Wunsch endlich mal das Seite 1 Busen-M√§dchen zu sein.
Bevor sie selber unter der Erde liegt und BILD sie f√ľr umme abdrucken kann, sackt sie lieber das Geld rechtzeitig ein.
bei längerem Nachdenken frage ich mich ob ihr vielleicht einfach nur ein wenig guter, hemmungsloser Sex fehlt …
ups, war das jetzt geschmacklos? Wenn ja, dann ‚Äötschuldigung =D
Eine Extremistin ist sie in meinen Augen immer noch ‚Äď jedoch nicht mehr intelligent!

Kurz, da wird jemand auf eine Art in den Dreck gezogen, die sich mutmasslich nicht von dem untercheidet, was unsch√∂neren Teile des Bildleser ebenfalls √ľber Feministinnen denken. Fast durchgehend Zitate von M√§nnern, und man wird am Kontext erkennen, dass diese Aussagen keine Ausrutscher in einer ansonsten zivisliserten Debatte sind. Das Bildblog selbst hat √ľbrigens auch nachgelegt; Autorin Clarissa textete zum gleichen Thema die mehrdeutige √úberschrift (http://www.bildblog.de/2373/alice-schwarzer-nicht-zwangsprostituiert):

Alice Schwarzer nicht zwangsprostituiert

Nat√ľrlich ist die BILD hassenswert. Nat√ľrlich kann es auch sein, dass der Grimmepreistr√§ger Stefan Niggemeier in seinen Kommentaren allein den Bodensatz der Bildblogleser anzieht, und alle anderen 49.980 anderen Leser des Bildblogs erf√ľllt sind von Ausgewogenheit, klarem analytischem Verstand und der F√§higkeit, Verhaltensweisen unvoreingenommen zu beurteilen.

Aber angesichts dessen, was bei Stefan Niggemeier aufläuft, und des Umstandes, dass das Bildblog auch noch mal mit reindrischt, habe ich da meine Zweifel. Bigott und frauenverachtend sind meines Erachtens nicht nur die Bildzeitung und ein Teil ihrer Leserschaft.

Edit: Ein paar Entgleisungen sp√§ter hat Stefab Niggemeier begonnen, einige sp√§te Kommentare dieser “entglittenen” – Zitat Niggemeier – Diskussion zu l√∂schen,