Das Studentenportal StudiVZ war mal cool. Und laut den Nutzerzahlen liegt es ganz, ganz weit vorne. Klassische Medien starren fassungslos auf den Erfolg, und fragen sich, was sie gerade verpassen, wo ihre frĂŒheren Leser hinverschwinden, und was wohl aus ihrer Zukunft wird, wenn Abermillionen nur noch stundenlang bei StudiVZ abhĂ€ngen.

Nun, ich denke, die Zeiten, als man sich Sorgen machen musste, sind vorbei. SpĂ€testens seit den neuen, sehr kritisch aufgenommenen und nur teilweise umgesetzten AGB rumort es im sozialen Netzwerk, mit der Folge, dass Nutzer und Firma gar nicht mehr so sozial agieren. Gerade mit der hĂ€ufigen Verschleierung der realen Namen haben offensichtlich viele inzwischen ein gesundes Misstrauen zum Ausdruck gebracht – fragt sich nur, wie weit das inzwischen geht.

Dazu habe ich letzte Woche eine kleine Untersuchung angestellt. Ausgehend von 25 wirklich studierenden Personen in Deutschland mit offensichtlich echtem Klarnamen und halbwegs grosser Freundesliste – also keine der vielen Fakes – habe ich mir die Freunde angeschaut und gezĂ€hlt, wie viele inzwischen ihre Namen entstellen oder mit falschen Namen wie “Noa Dvertising” unterwegs sind. Die Personen kommen von 12 unterschiedlichen UniversitĂ€ten und Fachrichtungen. Und mit insgesamt 909 Personen kann man schon eine gewisse Stichhaltigkeit meiner Erhebung voraussetzen.

Meine Probanden hatten zwischen 14 und 69 Freunde. Die Person mit den meisten Freunden hatte dann auch die wenigsten verstĂŒmmelten Namen in der Freundesliste: Gerade mal 17, was etwas weniger als ein Viertel ist. Die nĂ€chstsozialste Person mit 63 Freunden hatte dann aber 30 Bekannte, die ihren Namen nicht preisgeben wollten. 5 von 14, 6 von 14, 7 von 16, 9 von 20, 7 von 21, 7 von 22, 12 von 28, 7 von 39, 13 von 36, 17 von 45, 16 von 46, 13 von 51 – am Ende sind von 909 Personen 318 durch unzutreffende Namen geschĂŒtzt. Ein gutes Drittel der höchstwahrscheinlich studentischen Nutzer wollen dem System ihren Namen nicht mehr mitteilen. Es gibt offensichtlich gewisse Schwankungen; das VerhĂ€ltnis der Geschlechter der unkenntlich gemachten Personen wĂŒrde ich mit 60/40 fĂŒr weibliche Mitglieder einschĂ€tzen. Der Schnitt wurde nach meiner Beobachtung massiv durch Juristen runtergezogen, die bei dieser Untersuchungsgruppe die geringsten Probleme hatten, sich mit Klarnamen reinzustellen.

Eine Gegenprobe habe ich allerdings mit Studenten der Uni St. Gallen gemacht – wo der GrĂŒnder von StudiVZ Ehssan Dariani studiert hat. Dort sieht es fundamental anders aus, gerade mal ca. 10% der Profile tragen verfĂ€lschte Namen. Es kann sein, dass in der Schweiz die Problematik der neuen AGB kaum diskutiert wurde. Womit wir hier alle denkbaren schmeichelhaften Entschuldigungen fĂŒr Baumbewoh Eidgenossen genannt hĂ€tten.

Was bedeutet das? Ein Sozialsystem, dem ein Drittel der Nutzer nicht ĂŒber den Weg traut, ist sicher nicht mehr cool. Dazu kommt noch das Abschliessen des Profile fĂŒr unbeteiligte Dritte, das ebenfalls von einem signifikanten Teil der Nutzer betrieben wird. Das zeigt zweierlei: Viele, sehr viele, jedenfalls mehr als ich zu hoffen gewagt hĂ€tte, nehmen den Schutz ihrer Daten ernst. Und StudiVZ wird ein massives Problem beim Vermarkten der Daten haben. Denn wenn jeder Dritte deutlich zeigt, dass er dem System nicht ĂŒber den Weg traut, kann man auch deren DatensĂ€tze weitgehend aussortieren. Und damit hat man auch wieder die Streuverluste, die StudiVZ mit Targeting und dem AusschnĂŒffeln seiner Nutzer durch Clickstream-Analysen vermeiden wollte.

Tja. Ich kann nicht behaupten, dass ich traurig bin.