Ab und an h├Ârt man auf Kongressen auch Ideen, dass Blogs in die L├╝cke stossen k├Ânnten, die Zeitungen durch den Abbau ihrer Lokalredaktionen hinterlassen. Tats├Ąchlich gab es auch schon ein paar wenig erfolgversprechende Versuche von Medienh├Ąusern, so etwas selbst zu initiieren, beispielsweise Opinio der rheinischen Post, die Nutzerbeteiligung des blog├Ąhnlichen “Echo-M├╝nster” oder das Gebettel der WAZ-Plattform derwesten, dort einer Community beizutreten und damit das hauseigene Sparprogramm bei den Lokalredaktionen durch user generated Dorfeppenhilfsarbeit wie Geotagging zu belohnen.

Umgekehrt gibt es durchaus schon einige regionale Blogs, und ├╝ber die Jahre waren nicht alle so erfolglos wie das Gest├Âpsel von Minga.de. Aber auch nicht so erfolgreich, dass sie eine ernstzunehmende Alternative zu Regionalzeitungen w├Ąren. Man tut den Betreibern sicher nicht unrecht, wenn man ihnen keine absolute Hingabe an das Thema nachsagt, und damit eine Haltung, die es vermutlich wirklich br├Ąuchte, um es einmal den Lokalbl├Ąttern wirklich zu zeigen. Mal ganz abgesehen davon,dass man sich in Bloggerkreisen noch immer erheblich falsche Vorstellungen vom Thema Internetnutzung am Morgen oder in der Arbeit macht.

Ich pers├Ânlich habe den Eindruck, dass unter Bloggern das Lokale, oder das, was sie selbst als das Lokale wahrnehmen, das Internet selbst ist. Das Wort von “Kleinbloggersdorf” ist nicht mein Ding, aber gewisse Mechanismen der Debatten und Gespr├Ąche erinnern tats├Ąchlich mehr an den Dorfklatsch, denn an extrem effiziente Medienkonglomerate. Dorftratsch ist im Moment vor allem das sogenannte Microblogging, oder auch die Frage, ob man Mails ver├Âffentlichen darf, oder die Freude mancher, dass man jetzt endlich wieder irgendwelchen Leuten die Daten der Besucher in den Rachen schmeissen darf, nachdem sich auch schon Google ├╝ber diese Informationen freut. Ich habe jetzt ├╝ber Nacht dar├╝ber nachgedacht, ob es ├╝berhaupt schon mal ein lokales Thema gab, das in den Blogs ganz gross rauskam. Und es ist mir nichts eingefallen.

Was es gibt, ist eine gewisse lokale Verortbarkeit mancher Blogs, aber selbst da sehe anderes, was weitaus dominanter ist: Soziale Gruppe oder Selbstdefinition, das Bem├╝hen um Coolness oder die Verortung zwischen Mainstream und Indie, zwischen privatem Erz├Ąhlen und ├Âffentlichem Preisgeben, und all das unter dem grossen Begriff des Internets, das die Inhalte nat├╝rlich ├╝ber weite Strecken beeinflusst. Dazu kommt noch, dass eine grosse Teile der bekannteren Blogger neben dem Bloggen und ├Ąhnlichen T├Ątigkeiten im Netzumfeld nur ein sehr begrenztes Realleben haben, was sich dann auch schon mal in W├╝nschen nach immer neuen Barcamps ausdr├╝ckt, wo man andere trifft, die sonst auch nichts mit ihrer Freizeit anzufangen wissen und sich schlecht f├╝hlen, wenn nicht alle drei Minuten ein Update auf dem iPhone auftaucht. Und wer die meisten anderen Sozialgest├Ârten zum Bejubeln der Sozialst├Ârung zusammentrommelt, ist der King und bekommt das auch durch einen Kumpel beim Tagesspiegel best├Ątigt.

Ich bin hier gerade in einem echten Dorf, ich bekomme ├Ąhnliche Verhaltensstrukturen durchaus mit, ich sehe die Menschen, die ohnehin dauernd zusammenh├Ąngen, am Abend in Tracht in der Tenne vor Bier und W├╝rsten sitzen, und vermutlich reden sie genauso inhaltsleer ├╝ber das Leben in diesen kleinen Sozialsystemen und halten es f├╝r gross, toll und die einzige Art zu leben, bis es als Thema selbststabilisierend und definierend ist. Es ist diese Haltung, die unkritischen Lokaljournalismus n├Ąhrt und ├╝berall auf der Welt einen engagierten Lokaljournalismus zur Netzbeschmutzung werden l├Ąsst. Das ist im Internet auch nicht anders, warum auch nicht, es steht nirgendwo geschrieben, dass das Lokale nicht auch der entgrenzte Ort des Internets und seine M├Ąuerchen, Hecken und Z├Ąune rund um die Schreberg├Ąrten der Blogs ist. Es ist ok, es ist legitim, und deshalb sehe ich auch nicht, warum so etwas wie Lokaljournalismus im Netz funktionieren sollte – wer erst mal so weit im Netz ist, dass er wirklich Blogs als Informationsquelle ernst nimmt, hat einfach andere Interessen und Definitionen von relevanten Inhalten als der Miesbacher Trachtenfreund, dem er nur insoweit gleicht, als sich der eine zur Erkennung seiner Einheimischkeit ein Hirschhornbapperl auf seine Latzhose klebt, und der andere ein @ vor den Namen.