In diesem Blog geht es vor allem um das Bloggen; sprich die Debatte ĂŒber das, was da geschrieben wird und welche Richtungen innerhalb des Geschriebenen erkennbar sind; Dokumentation, Diskussion und Konflikte zum Thema “Publizieren” also. Was in aller Regel zu kurz kommt, sind die Leser; das also, was in den Kommunikationswissenschaften als “Rezipienten” bezeichnet wird. Beim Bloggen tue ich mir mit diesem Begriff grundsĂ€tzlich schwer, denn durch die Kommentarfunktion sind alle Leser erst mal potenzielle Mitgestalter – es sei denn, sie haben zur Debatte keine Lust oder, was hier auch mitunter passiert, fliegen raus.

Heute war eine Medienzeitschrift in der Post, deren Macher wegen eines Interviews – so wie ich es nicht mag, riesiges Bild, kurze Antworten – anfragten. Auf Seite 28 hatten sie ein langes Feature ĂŒber die Onlineoffensive von Stern.de. Auf der ersten Seite, unter der Headline mit der Aussage, dass man die “Klickzahlen verdoppeln” wolle, ging es ausschliesslich um Klicks, Seitenabrufe und Visits. Das Wort “Leser” taucht gar nicht erst auf, es bleibt beim Nutzer und User, der bitteschön möglichst viele Inhalte – und damit Klicks etc. selbst schaffen soll, die man möglichst schnell mit Onlineshops verbinden soll. Abschluss ist das Planspiel, den an sich gescheiterten Kampagnenjournalismus des Printprodukts fĂŒr die Website aus der Versenkung zu holen.

Kein Leser, nirgends. Das Konzept ist um den banalen Leser herumentwickelt, es will viel von ihm, klicken, schreiben, knipsen, mitdebattieren auch, “entertaint” werden – aber nicht lesen.

Einen anderen Umgang mit dem, was ich hier “Leser” nennen möchte, predigt Blogvermarkter und Adical-GrĂŒnder Sascha Lobo, wenn er sich nicht gerade gegenĂŒber Bloggern als Kulturermöglicher durch Werbung ausgibt, ich zitiere:

verwies der Vordenker der deutschen Bloggerszene vor allem auf das hochwertige Publikum der Weblogs. Trotz geringerer Reichweiten rĂ€umte Lobo nutzergenerierten Inhalten die grĂ¶ĂŸere Werbewirkung ein, da sie vor allem ĂŒber involvierte Leserschaften mit hoher Multiplikationskraft verfĂŒgen.

Da muss man sich mal jedes einzelne Wort bewusst machen. Als begeisterter Leser eines von Adical verkauften Blogs kÀme ich mir jetzt aber voll verarscht vor; gerade die Bindung an ein Blog ist laut Lobo also der Ansatzpunkt, um die auf Blogs geschaltete Werbung weiter zu verbreiten.

Da sind also zwei Konzepte; das eine versucht, die vorhandenen Leser möglichst umfassend zum Klickvieh zu machen, um möglichst viel Werbung herzeigen zu können. Das andere setzt darauf, dass die Nutzer selbst die Werbung an andere weitertragen. UnabhÀngig davon, dass ich den vortragenden Personen nicht im Mindesten zutraue, ihre Ideen und Planungen effektiv in die RealitÀt umzusetzen:

Meines Erachtens kollidiert beides mit dem Konzept “Lesen”. Wer liest, denkt manchmal mit. Meines Erachtens trifft das ziemlich hĂ€ufig, ĂŒberdurchschnittlich hĂ€ufig auf Leser von Blogs zu (Seiten wie Politically Incorrect möchte ich da allerdings ausnehmen). Das Paradox, mit dem diese Ideoligien des Verwertens und Verwurstens zu kĂ€mpfen haben werden, ist, dass die Ansprache der geplanten Beteiligten erst mal ĂŒber das “Lesen” geschehen muss. Die daraus entstehende AktivitĂ€t beisst sich aber mit der PassivitĂ€t des drögen Klickviehs wie auch mit der bescheuerten Nachplapperei von Werbebotschaften. Die Bereiche und Zielgruppen, die man mit solchen parasitĂ€ren Konzepten des AusnĂŒtzens erreichen kann, sind eben genau nicht deckungsgleich mit den Lesergruppen, auf die Blogs und bessere Onlinemedien gleichermassen abzielen.

Zumal ich ohnehin Zweifel habe, dass eine derartig starke und manipulative Leserorientierung, die aus denkenden Menschen willige Werbedeppen macht, einem Blog gut tut. Wo das endet, sieht man bei denen, die genau diese Form der Leserverarsche betrieben: bei den Trigamischreibern, SEOs, Schleichwerbern und Linkstrichern, die hier draussen zunehmend Abwehrreaktionen hervorrufen – bei genau den bloggenden Lesern, die eigentlich die Adressaten fĂŒr die neuen Konzepte fĂŒr das Prinzip “Leser” sein sollten.