29.10.2009 | 19:30 von DonAlphonso

Mein Twitter-Impulsreferat auf den Medientagen M├╝nchen

(damit man wenigstens mal ├╝ber das reden kann, was gesagt wurde, und nicht ├╝ber das, was andere glauben, dass es vielleicht gesagt wurde)

Guten Tag,

ich bin gebeten worden, Ihnen unser heutiges Thema nahe zu bringen. Wer mein Metablog “Blogbar.de” kennt, weiss vielleicht, dass ich Twitter nicht gerade zu den zukunftstr├Ąchtigen Webservices z├Ąhle, und, um gleich die ganze Wahrheit zu sagen: Jenseits des Zeittotschlagens im Internet, des netten Palavers zwischen Freunden, vielleicht noch einem gewissen Herdentrieb, mit dem viele nachplappern, was ein anderer getweetet hat – sehe ich in Twitter keinerlei Bedeutung. Ich mag die Oberfl├Ąchlichkeit des Mediums nicht, und ich mag den Hype nicht, der um Twitter von Leuten gemacht wird, die schon den gleichen Hype um Blogs, Second Life, Mobloggen, Nachrichtenaggregatoren, Flickr, Delicious, Tumblr, Myspace und was da sonst noch an Zukunftserwartungen war, gemacht haben. Kurz, ich bin vermutlich das genaue Gegenteil von Sascha Lobo, der hier heute stehen und diesen Vortrag halten sollte. Trotzdem will ich versuchen, Ihnen einen m├Âglichst ausgewogenen Blick auf das Ph├Ąnomen Twitter zu erm├Âglichen, auf den Hype und auf die Frage, welcher Nutzen daraus gezogen werden kann.

Zun├Ąchst einmal zu den Zahlen: Twitter hat unbestreitbar eine enorme Erfolgsgeschichte in den letzten Jahren hingelegt. Die 2006 gegr├╝ndete Firma hat es trotz Softwareproblemen und h├Ąufigen Systemabst├╝rzen geschafft, in Windeseile gerade die sogenannten Early Adopters des Internets f├╝r sich zu begeistern. Im ersten Moment mag das ├╝berraschen, denn Twitter erscheint nur ein kastrierter Blogdienst zu sein, der keine langen Texte oder ├╝bersichtliche Debatten mit vielen Teilnehmern zul├Ąsst. Mit Twitter geht nichts, was mit einem Blog nicht auch m├Âglich w├Ąre, aber das Fehlen vieler Funktionen hat dem Erfolg keinen Abbruch tun k├Ânnen: 58,4 Millionen Besucher hat Twitter laut Comscore allein im Internet im September gehabt, und hat damit ├╝ber das Jahr diese Zahl fast verzehnfacht. Noch deutlicher fallen die Zahlen in Deutschland aus, wo sich mit 1,8 Millionen heute 25 mal so viele Nutzer wie vor einem Jahr tummeln. Gleichzeitig aber hat sich in den USA, dem wichtigsten markt f├╝r das Unternehmen, das Wachstum eingependelt – und zwar seit Juni bei Null. Sprich, f├╝r jeden, der Twitter neu entdeckt, gibt es einen, der es nicht mehr besucht. Es deutet sich eine gewisse Markts├Ąttigung an, ├╝ber deren Gr├╝nde hier nachher auch noch zu reden sein wird.

Twitter ist dennoch in Deutschland ein Wachstumsmarkt mit einer wichtigen Zielgruppe, sagen Berater und, sagen wir mal, technikbegeisterte Journalisten, und bieten gern ihre Hilfen an. Twitter selbst ist gerade wegen der hohen Nutzerzahl eine entsetzlich dezentrale Sache; der Medienp├Ądagoge Thomas Pfeiffer geht aktuell von einer viertel Million aktiver Twitternutzer in Deutschland aus, wobei ein niedriger bis mittlerer zweistelliger Prozentsatz nach ein paar Wochen wieder aufh├Ârt, weil es ihnen nicht taugt, und sich ihnen die Faszination der st├Ąndigen, tagesbegleitenden Kommunikation mit Freunden nicht erschliesst. Diese Szene ist, wie schon Blogs und soziale Netzwerke, nicht organisiert, sprich, es gibt keine allgemein relevanten Meinungsmacher. Gemeinhin ist Twitternutzern, und hier gerade jenen, die Twitter beruflich nutzen, die Anzahl der sogenannten Follower extrem wichtig. Aber selbst der deutsche Spitzenreiter Sascha Lobo hat nicht mal jeden 10. Nutzer als Follower. Wieviele dieser Follower sich dort eintragen und dann tats├Ąchlich den ├äusserungen folgen, ist eine weitere, ungekl├Ąrte Frage. In der Diskussion werden Follower oft mit Lesern oder Abonnenten gleichgesetzt – mitunter hat man aber auch den Eindruck, dass hier das selbe eitle Spiel wie in anderen sozialen Netzwerken l├Ąuft, wo das Selbstwertgef├╝hl mit der Zahl und Qualit├Ąt der angeblichen “Freunde” steigt.

Umgekehrt f├╝hren die interessierten Kreise an, dass die Follower nicht nur Leser, sondern auch selbst Multiplikatoren sind. Tats├Ąchlich gibt es den Retweet, abgek├╝rzt RT, mit dem Follower Texte und besonders gern interessante Links weitertragen, die ein anderer gefunden hat. Der Umstand, dass mitunter etwas beliebig alles retweetet wird, was nicht bei drei auf dem Offlinebaum ist, mag nicht gerade ein Ausweis an tiefer Weisheit und ├ťberlegung sein, aber es kann den Verlinkten erheblich Besucher und Aufmerksamkeit schenken.

Wieviel das ist? Nun, ich habe das mal bei einem oft von durchaus prominenten Twitternutzern verbreiteten Beitrag ausprobiert. Das Ergebnis war ziemlich ern├╝chternd: Nicht mal 1% der angemeldeten Follower dr├╝ckte auf den Link zum Beitrag. Zum Vergleich: Bei Links in meinem Blog folgen zwischen 5 und 20% der Leser dorthin. Aber in Zeiten wie diesen, und angesichts eines Wachstumsmarktes, sind solche ├ťberlegungen vielleicht sekund├Ąr, geht es doch sicher auch darum, fr├╝hzeitig eine Spitzenposition in diesem neuen Medium zu besetzen. Folglich twittern DAX-Konzerne und PR-Firmen, es br├╝sten sich dort freie Berater, und Spammer schmieren alles voller Links zu Viagra und Penisvergr├Âsserungen. Mit Dell behauptet eine Computerfirma mittlerweile, dank Twitter Millionenums├Ątze zu machen – auch wenn nicht klar ist, ob die ├╝ber Twitter von Sonderangeboten informierten Follower nicht auch ohne Twitter einen verbilligten Dell gekauft h├Ątten. Von Beratern unterst├╝tzt, wollte Vodafone mit einer grossen Twitteroffensive wollte Vodafone zeigen, wie man damit kommuniziert – es nicht ging gut, wie gesehen man hat.

Man sieht also: Twitter ist eine reichlich esoterische Angelegenheit. Man kann darin die Zukunft der schnellen Internetkommunikation sehen und auf die Chancen besonders bei der mobilen Verbreitung hinweisen, man kann PRler tr├Ąumen lassen, direkte Gespr├Ąche mit potenziellen Kunden zu f├╝hren, ganz hinunter auf die zwischenmenschliche Ebene zu kommen, oder gar andere zu Followern seiner Firma zu machen, die dann kostenlos als Werber agieren und die Firma ihren Freunden empfehlen. Mit Twitter, so die Legende, werden Nachrichten schneller, angefangen beim Flugzeugabsturz in den Hudson ├╝ber die vorschnell gezwitscherten Wahlergebnisse oder die Geschmacklosigkeiten, mit denen Reporter eines gewissen Magazins nach dem Amoklauf von Winnenden ihren Gossenhumor unter Beweis stellten. Kurz, alles scheint m├Âglich zu sein, und das w├Ąre alles ganz famos –

H├Ątte man das alles nicht auch schon ├╝ber eben jene Blogs gesagt, die gerade ein wenig von Twitter kannibalisiert werden. Denn auch schon vor 6, 7 Jahren hiess es, Firmen und Zeitungen m├╝ssten bloggen, um teilzuhaben, um einen Fuss in die T├╝r zur jungen Zielgruppe zu bringen. Mit Blogs k├Ânne man prima PR machen und schnell informieren. Und so legten Firmen wie Sun und IBM ihren Mitarbeitern Blogs ans Herz, Firmen und Medien zogen hastig Blogs hoch und f├╝llten sie mit dem, von dem sie dachten, es k├Ąme gut an. Gebracht hat es so gut wie nichts, GM ging trotz Blog pleite, und auch K├╝ndigungen werden nicht sch├Âner, wenn sie, wie etwa bei der WAZ, ├Âffentlich verblogt werden. Erfolgreiche Blogs, ganz gleich ob journalistisch oder als Corporate Communication, blieben die Ausnahme. Gleiches gilt auch f├╝r Zeitungen, Produktinformationen und Pressekonferenzen bei Second Life. Insofern ist es, sagen wir mal, mutig von den ├╝blichen Beratern, heute Twitter mit den gleichen Argumenten als Kommunikationskanal anzupreisen, die schon fr├╝her bei Blogs und Co. nicht funktioniert haben. Dass es Ausnahmen gibt, will ich an dieser Stelle keinesfalls bestreiten, bitte Sie aber zu bedenken, dass diese meine Zweifel von einem der wenigen deutschen Blogger vorgetragen werden, der von seiner Bloggerei leben k├Ânnte.

In meinen Augen gibt es rund um Twitter zwei Kernfragen, an denen sich das Schicksal des Hypes entscheiden wird. Da ist zum einem die Frage, ob es Twitter heraus schafft aus der Blase der Webevangelisten, der Vertreter der neuesten Dinge, der Apostel des Onlineseins. Twitter ist ein Werkzeug, das vor allem von jenen gebraucht wird, die selbstverst├Ąndlich immer online sein wollen, ein Instrument f├╝r digitales Grundrauschen, f├╝r den Dauertratsch der immer Erreichbaren – und bitte, noch mal, das hat durchaus seine Berechtigung, keine Frage, man kann sich nat├╝rlich auch so durch den Tag kommunizieren, ohne dass man gleich von Twittersucht oder Talkshow-Komplex reden m├╝sste. Dabei ist Internetnutzung aber f├╝r viele Menschen immer noch Email, Ebay und T-Online, und gerade solche Menschen tun sich schwer, wenn Themen wie bei Twitter von Ingroups mit eigenen Codes, Riten und Mythen beherrscht werden. Unter Twitternutzern gilt Twitter als einzigartig; warum das so ist, wird kaum erkl├Ąrt, und an einem Dauerleben im Netz und seinen Reizen wird nicht gezweifelt. Auf dem Wochenmarkt in meiner Heimatstadt f├Ąnde man es dagegen durchgeknallt, jeden gekauften K├╝rbis dem Netz mitzteilen. Wenn Twitter aus der Nische der Internetvorreiter und Spezialisten herauskommen und wirklich bei der breiten Masse ankommen will, sehe ich einen weiten und schweren Weg.

Zum anderen ist das Problem der ├ťbernahme von Twitterfunktionen durch Andere. Es ist nicht schwer, Twitter zu kopieren. Viele meiner Bekannten benutzen lieber identica, und so gut wie jedes bessere Netzwerk baut gerade seine eigenen Twitterfunktionalit├Ąten aus. Damit kommen sie der Faulheit der Nutzer entgegen, die nicht viele Dienste nebeneinander betreiben wollen, und es sieht auch so aus, als w├Ąre gerade Facebook in dieser Sache auf einem guten Weg, hier Twitter den Rang abzulaufen.

Ich pers├Ânlich habe den Eindruck, dass Twitter einer dieser periodisch auftretenden Dei ex Machina ist, die versprechen, ohne echten Mehraufwand Verteilungsprozesse im Internet zu beschleunigen. Sprich, da gibt es eine technische L├Âsung, auf die alle so scharf sind, dass sie in dieser Verpackung bereit sind, alles zu nehmen, was sie darin kriegen. Ich m├Âchte diesen Softwareg├Âttern sagen: Non credo, nego. Ich glaube nicht, dass die Leser so dumm sind, und ich halte es f├╝r ein Zeichen des mangelnden Respekts vor dem Leser zu glauben, dass man ihn mit einem 140-Zeichen-Anreisser schon zum Klicken eines Beitrags bringen kann. Kann schon sein, dass der Klick dann kommt, gez├Ąhlt wird und an die Werbetreibenden verkauft wird. Aber ich schreibe einzig und allein, um gelesen zu werden, und um einen Diskurs zu haben. Wenn es gut und die Debatte spannend ist, kommen die Leser auch so.

28.10.2009 | 15:37 von DonAlphonso

Retweetet mal sch├Ân

#SaschaLobo kommt nicht auf das Twitterpanel der Medientage M├╝nchen http://tinyurl.com/yfnkaq5 #DonAlphonso schon.

26.10.2009 | 11:07 von DonAlphonso

Bayerische Verblendung

Das sind doch wirklich mal Topnachrichten, die die Welt lesen will:

Feuerwehr kippt bei ├ťbung um, Beim ├ťben ist ein Feuerwehrauto verungl├╝ckt. Der L├Âschtank schlug leck.

Wieder Geldbotin ausgeraubt. Ein R├Ąuber hat in Illertissen der Angestellten eines Getr├Ąnkemarktes aufgelauert.

Schwede springt auf Autozug auf. Ein Biker hat den Halt seines Autozugs zum Rauchen einer Pfeife auf dem Bahnsteig genutzt. Pl├Âtzlich fuhr der Zug wieder los.

├ťber Nacht waren alle ├äpfel weg Dreister Diebstahl: ├ťber Nacht ist in Kaufering ein Apfelbaum abgeernet worden.

Und als Hauptnachricht, ganz gross und mit einem, naja, nicht gerade professionellen Bild unter ├╝blem Blitzlicht:

Abschied aus Violau nach sieben Wochen: Bistum Augsburg trennt sich von Pfarrer Hirsch

Das alles kann man bei der Augsburger Allgemeinen, dem Lokalmatador des Printlertums in der Region Augsburg, im Internet abrufen. Kostenlos. Laut Andreas Scherer, dem Gesch├Ąftsf├╝hrer der Presse-Druck- und Verlags-GmbH (Augsburger Allgemeine) und Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger, w├╝rde die Regionalberichterstattung jedoch damit “exklusive Inhalte” bieten, was ich gerne zu glauben bereit bin, denn allzu oft wird man vom abger├Ąumten Apfelbaum in Kaufering nicht reden. Andreas Scherer jedoch gab anl├Ąsslich der diese Woche stattfindenden Medientage zu erkennen, dass er mit solchen Nachrichten Kasse machen m├Âchte: “Es ist aber nur fair und richtig, diejenigen Online-User, die unsere Qualit├Ątsinhalte kostenfrei genutzt haben, an unseren Aufwendungen zu beteiligen.”

Gestern habe ich das Interview gelesen, und bis heute kam keine Nachricht, dass die bayerischen gegen Andreas Scherer geputscht h├Ątten, wegen offenkundiger Verblendung etwa und mangelnder Einsicht in die M├Âglichkeiten solcher Lokalbl├Ąttchen. Generell kann man diesen Leuten also nur w├╝nschen, ihre Portale zum Thema Apfelklau nur gegen Geb├╝hr (neudeutsch Flatrate) zu ├Âffnen – sie werden ja sehen, wo sie mit ihren einzigartigen Exklusivnachrichten hinkommen. Aber nur, falls sich jemand wurndert, wieso es deutschen Verlagen so dreckig geht: Es ist diese uns├Ągliche Haltung, dieses komplette Negieren der Realit├Ąt, dieses Weiterwurschteln wie in den 70er Jahren, das denen alle Chancen verbaut. Dann nach einem Leistungsscgutzrecht zu schreien: Glauben die wirklich, dass sich eine alte Sau f├╝r abger├Ąumte Apfelb├Ąume interessiert?

8.10.2009 | 10:21 von DonAlphonso

Reichlich unbemerkt

(oder geht das nur mir so?) hat Robert Basic einen Zwischenbericht ├╝ber Buzzriders, dieses blognahe, lokale, hyperlokale the next big thing geschrieben, von dem man ab und zu nicht mehr viel geh├Ârt hat:

http://blog.buzzriders.com/2009/10/02/ist-stand-buzzriders-teil-1/
http://blog.buzzriders.com/2009/10/02/ist-stand-buzzriders-teil-2/
http://blog.buzzriders.com/2009/10/04/ich-bin-ein-spinner/

Ich bin nach solchen Ank├╝ndigungen inzwischen etwas uneuphorisch, nachdem die letzten Ank├╝ndigungen nur die M├Âchtergen-Huffingtons von Varta.info und ihrer Bildklauerei oder das sie ├Ąhnlich unsch├Ân erg├Ąnzende “The European” hervorgebracht haben. Zwei relevanzlose Selbstbeweihr├Ąucherungshaufen typisch Berliner Art mit einigen Autoren, bei denen ich mich frage, wieso sie sich als Journalisten bezeichnen, und ob ihnen das angesichts ihres Mainstreamgeschwalles nicht etwas peinlich ist. Die einen sogar mit Advertorial der INSM. Debattenportale, sagen sie. Relevante Stimmen, angeblich. Resteverwertung, finde ich. Es gibt einfach zu viele Journalisten.

Als es mit den Blogs losging, habe ich noch erwartet, gehofft, dass manche Journalisten die gelegenheit nutzen und ihr eigenes Ding machen, in dem sie zeigen, wie gut sei sein k├Ânnen. Inzwischen habe ich dank Carta und European die Antwort. Und ich hoffe, ich w├╝nsche mir, dass die Antwort bei Buzzriders nicht ganz so entt├Ąuschend ausf├Ąllt, so es denn je kommt.

2.10.2009 | 12:05 von DonAlphonso

Neues vom Zensurprovider Vodafone

Einerseits macht sich der in der Blogosph├Ąre durch Werbeschaltungen und entsprechende Zahlungen an Leute wie Sascha Lobo, Johnny H├Ąusler, Stefan Niggemeier et. al. bekannte Telekommunikationsanbieter mit neuen Einf├Ąllen zur effektiven – und gesetzlich so nicht mal notwendigen – Sperrmassnahmen im Internet den Namen, den er bei seinen Werbepartnern nicht hat – und, kleine Ironie am rande, jusatment zu der Zeit, da man bei den deutschen Bloggern Werbung schaltete:

Die German Privacy Foundation hat herausgefunden, dass Vodafone bereits seit Juli 2009 allen Traffic auf den TCP- und UDP-Ports Port 53 zu seinen eigenen in K├╝rze zensierten DNS-Servern umleitet. Das gilt zun├Ąchst nur f├╝r das UMTS-Netz. Es ist davon auszugehen, dass andere Provider diesem “Test” folgen werden. Demnach wird jeder, der einen alternativen DNS-Server in seiner Konfiguration eingetragen hat, von Vodafone mit gef├Ąlschten Informationen versorgt. Diese F├Ąlschung des Internetverkehrs geht weit ├╝ber die staatlich verordneten DNS-F├Ąlschungen des Internetzensurgesetzes hinaus. Vodafone scheut nicht davor zur├╝ck, den IP-Verkehr mit einem anderen Knoten im Internet zu unterschlagen und dem Anwender eine eigene Antwort mit gef├Ąlschtem Absender zu senden.

Jaja, das sind so die Sachen, die man auf den h├╝bschen Plakaten und im Spot nat├╝rlich nicht zu h├Âren bekommt (und auch nicht bei den davon profitierenden Bloggern). Wir d├╝rfen an dieser Stelle der Vermutung Ausdruck geben, dass man von solchen Ideen in der kommenden Legislaturperiode noch so einiges h├Âren wird. Auf der anderen Seite will Vodafone nat├╝rlich nicht nur f├╝r Freundschaften mit Bloggern zahlen, nein, sie wollen nat├╝rlich auch was davon bekommen. Nicht anders ist es zu erkl├Ąren, dass f├╝r neue, su-per-schicke Vodafone-Apps, die die Leute dazu bringen sollen, nur ja bei Vodafone zu beiben und dort ihr Verbindungsentgelt zu lassen, nun auch Blogger gefragt werden, ob sie denn so nett w├Ąren, daf├╝r ihre Inhalte zur Verf├╝gung zu stellen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben uns Ihre interessante Webseite angeschaut und dabei entdeckt,
dass Sie auch einen ├Âffentlichen RSS-Feed dazu anbieten.

Vodafone m├Âchte seine Kunden motivieren, das Handy mehr als einfachen
Zugang zum Internet zu verstehen, als dies zurzeit noch der Fall ist.

Daf├╝r entwickeln wir gerade ein gr├Â├čeres Programm, in dessen Rahmen wir eine
Reihe von Webseiten gerne promoten w├╝rden, die die Vielfalt des Internets gut zeigen.

Da wir Ihre Webseite inhaltlich passend f├╝r dieses Programm finden, haben wir sie
mit aufgenommen und online auf http://widget.vodafone.com/de/widgets/blogname
vor├╝bergehend testweise gestellt. Die Promotion der Seite startet voraussichtlich Ende Oktober.

Der Vorteil f├╝r Sie ist eine gr├Â├čere Verbreitung Ihrer Inhalte, da ganz neue, mobile
Internetnutzer den Weg zu Ihrer Webseite leicht finden k├Ânnen.

F├╝r Sie entstehen keine Kosten oder Verpflichtungen und k├Ânnen jederzeit einfach per Mail
unserem Angebot widersprechen. Dann w├╝rden wir sofort das Programm entsprechend anpassen.
Sollten Sie besondere W├╝nsche bez├╝glich Ihres Logos und der Beschreibung haben, werden wir sie gerne ber├╝cksichtigen.
In der beigef├╝gten Pdf-Datei haben wir f├╝r Sie die wichtigsten Informationen anschaulich zusammengestellt.

Wir freuen uns ├╝ber Ihre hoffentlich positive R├╝ckmeldung und verbleiben
mit besten Gr├╝├čen,

Das ganze hatte gleich auch noch ein “Partnerbriefing” im Anhang.

Heiss, nicht? Wie liebreizend! Erst mal aufnehmen und dann erst nachfragen! Das Netz zensiert man, daf├╝r holt man sich bei den Bloggern, was man bei sich im eigenen Netz pr├Ąsentieren will, weil: Eigene Inhalte kosten ja nur, da kann man ja mal andere fragen, ob die nicht was zu verschenken haben. Supi! So rollt der Rubel in die richtige Richtung! Irgendwoher muss man ja das Geld verdienen, mit dem man das Wohlverhalten deutscher Bloggr├Âssen nat├╝rlich nicht einkauft, ach was, das ist alles ganz normal und passt schon irgendwie.

12.9.2009 | 0:05 von DonAlphonso

Mal wieder: Pro

Seit ├╝ber einem halben Jahr bin ich jetzt das, was man vielleicht als Pro-Blogger bezeichnen kann. Ich schreibe ein Blog bei der FAZ, und praktisch nichts anderes, obwohl es kein Problem w├Ąre: Nur muss ich gestehen, dass mir das Verfassen meiner Blogbeitr├Ąge mehr Spass als Print macht. Ich denke, das merkt man auch, denn anders sind die reichlich eintrudelnden Kommentare nicht zu erkl├Ąren. Und das, obwohl ich professionell journalistisch davor eigentlich fast ausschliesslich im Radio und vor allem im Print gearbeitet habe.

Ich habe mich auf dieses Projekt aus diversen Gr├╝nden eingelassen, von denen der Aspekt Geld eine ziemlich kleine Rolle spielt; mir stehen in anderen Bereichen andere M├Âglichkeiten zum Broterwerb offen, aber f├╝r den Spass und die Freiheit, die ich beim Bloggen habe, nehme ich die – f├╝r Journalisten einwandfreie, f├╝r die anderen Sektoren eher maue – Bezahlung gerne und freudig in Kauf. Der Grund, warum ich eigentlich zugesagt habe, war sportlicher Natur: Ich habe an der Blogbar immer behauptet, ich w├╝sste, wie man so ein Profiblog machen k├Ânnte, dass es gut ankommt. 114 Beitr├Ąge zu einem eher speziellen Thema, 10438 Kommentare und 5 Abwerbeversuche sp├Ąter kann ich das nicht nur behaupten. Ich glaube, ich weiss inzwischen auch, wie man ein Blog erfolgreich machen kann, ohne sich – wie etwa hier – dauernd mit Internetthemen und Medien auseinanderzusetzen. Es gibt nicht so viele Verlinkungen her, weil es die reinen IchmachmedienundInternetblogger nicht anspricht – aber wenn ich ehrlich sein darf: Diese Leute sind irrelevant, und wenn sie nun Manifeste unterschreiben, geben sie das indirekt auch zu. Ich halte meine Plaudereien bei der FAZ f├╝r genauso irrelevant, und es macht mir auch nichts aus. Wenn ein Diskurs ├╝ber Themen entsteht, und nicht dar├╝ber, wie man ein Medium f├╝r Themen nutzt, ist schon viel gewonnen.

Ich glaube sogar, es gibt einen Markt f├╝r Irrelevanz. Das ist ein wenig so wie an der B├Ârse, wo alle jubeln, wenn die an sich rein spekulativen Kurse steigen, und alle weinen, wenn sie fallen. Beides hat aber seine Berechtigung, das Steigen und Fallen, die Relevanz und die Irrelevanz. Zumal Medien und viele Blogs genau auf dieser Relevanzschiene fahren, egal wie sehr es darunter im Gleisbett br├Âckelt. Ich glaube, dass Blogs mit ihrer an sich sehr freien und mitunter ├╝berlangen Form ganz hervorragend f├╝r Irrelevanz geeignet sind, und man mitunter auch froh ist, wenn man unter all den Relevanzbr├╝llern etwas hat, bei dem man nicht gleich in eine gewisse Wahrnehmungsrichtung gedr├Ąngt und geschubst wird. Am├╝santerweise ist es das irrelevanteste aller Themen gewesen, das nach den Extremaufregern Gewaltspiele und Ikea – ab und an schreibe auch ich ├╝ber das relevante Problem des ├╝berall anzutreffenden Drecks – eine vollkommen veraltete H├Âflichkeitsgeste, die die meisten Reaktionen hervorgerufen hat. Es gibt bei der FAZ unendlich viel relevantere Themen, die keinen Diskurs nach sich ziehen.

Nat├╝rlich muss man das mit der Irrelevanz auch k├Ânnen, sprich, die Irrelevanz zum Klingen bringen, erz├Ąhlen, formulieren, anregen, unterhalten. Irrelevanz allein ist genauso dumm wie Relevanz, und das sieht man nicht nur an Zilliarden Myblogs, sondern auch bei gen├╝gend
Profiblogs, etwa bei derwesten. Angesichts der diversen Versuche, sich gerade Relevanz anzumassen und zuzusprechen und das Internet auf die eigene Linie einzuschw├Âren und dann relevante Manifeste einzubringen, die erkl├Ąren, wie man relevant wird, ist diese meine Auffassung nur eine Minderheitenmeinung – mit dem kleinen Problem f├╝r die Relevanten, dass sie “funktioniert”, dass sie trotz oder gerade wegen der Irrelevanz einen relevanten Diskurs nach sich zieht.

Und nat├╝rlich lerne ich auch noch best├Ąndig dazu, ich habe keine Ahnung, ob das so stimmt und andere Dinge nicht alles viel besser machen k├Ânnten; schliesslich beziehe ich mich selten auf andere und verlinke auch kaum, ich mache das Blog kaum vernetzt und schreibe viel zu lange Texte und S├Ątze. Vielleicht w├Ąre es im Bildformat erheblich erfolgreicher, vielleicht k├Ânnte es ein anderer sehr viel besser, vielleicht br├Ąuchte ich auch mal so einen tollen Berater, der zwar selbst kein funktionierendes Blog hat, aber eine durchdachte Erfolgsstrategie.

Kann sein. Aber es geht auch so. Gar nicht so schlecht, und besser als vieles andere. Nicht wegen mir, denke ich, sondern weil Plattform, Blog, Autor und Leser zusammenpassen, und die Relevanz beiseite lassen. Deshalb macht es Spass, Pro-Blogger zu sein, und es f├╝hlt sich ziemlich normal und nett an.

10.9.2009 | 13:39 von DonAlphonso

Wie man sich im Hause Burda bei Bloggern bedient

Es ist heute unter Verlegern ja sehr schick zu jammern, dass Google von den Inhalten der Verlage profitiere und deshalb einen Teil des Werbegeldes den Verlagen zu geben h├Ątte. Das nennen sie Leistungsschutz, und Politiker winseln da zu ihren Gunsten, schliesslich ist gerade Wahlkampf, da will man es sich mit den Verlagsbossen nicht verscherzen. Hubert Burda ist da so etwas wie ein Wortf├╝hrer, auch wenn andere – wie ich – eigentlich denken, dass Herr Burda der Sache am Dienlichsten w├Ąre, wenn er zusammen mit Frau Springer den gesammelten M├╝ll seines Hauses aus dem Internet nehmen w├╝rde. Die Werbeborstenviecher an seinem Digital-Lifestyle-Days-Tr├Âgen sehen das vielleicht anders, aber bitte, jeder, wie er mag.

Wie man jedoch in diesem Verlag selbst mit den Leistungen anderer Leute umgeht, sieht man allerdings bei Mary, die das Blog Stil in Berlin betreibt. Bei dem hat die verblichene “Young” aus dem Hause Burda neun Bilder ohne Erlaubnis ├╝bernommen, ein Betragen, das man ansonsten vielleicht eher von Klitschen wie Carta von Robin Meyer-Lucht kennt. Das folgende Drama mit Angeboten halbschariger Art, Verz├Âgerung und letztlich dem Gerichtstermin kann man bei Mary selbst nachlesen.

Nur falls jemand mal sehen will, was das Leistungsschutzrecht dessen lauten Forderern tats├Ąchlich bedeutet.

9.9.2009 | 9:06 von DonAlphonso

Die verhinderten Blog-Verbandsfunktion├Ąre

Nochmal zu diesem 17-Punkte-Manifest der 15 “zentralen Eckpfeiler” der deutschen Internetlandschaft: Da tut sich momentan ja so einiges. Die Macher haben den Entwurf ins Englische ├╝bersetzt, dort aber ├╝ber die Nacht angelaufene Kritik gel├Âscht. Eine ganze Reihe von Unterzeichnern versuchen gerade auf mehreren Schaupl├Ątzen, die reichlich negative Debatte einzuschr├Ąnken, etwa hier: Man f├╝hlt sich falsch verstanden, man sieht sich b├Âsartiger Kritik ausgesetzt, die Leute sehen nicht den richtigen Hintergrund anderer Erkl├Ąrungen, wie etwa der von Herrn Burda, es wende sich ja gar nicht an Blogger, man musste einen Formulierungskompromiss finden, und so weiter.

Die spannende Frage ist meines Erachtens nicht, was das Manifest sagen soll – es erkl├Ąrt sich in gewisser Weise von sich selbst – sondern was die beabsichtigten Folgen waren.

Ich mein: Niemand schreibt sowas, setzt sich als Erstunterzeichner drunter und ist froh, wenn er es mal gesagt hat. So ein Manifest ist immer nur der erste Schritt. Luthers Thesen -> Reformbewegung in der Kirche. Kommunistisches Manifest -> Parteigr├╝ndung. Internet-Manifest -> sch├Ân, dass wir dar├╝ber geredet haben? Bei den Teilnehmern, die gr├Âsstenteils mit Journalismus wenig, aber mit Internetkommerzialisierung zu ihren eigenen Gunsten sehr viel zu tun haben?

Und da muss ich schon sagen: Schande ├╝ber die Unterzeichner. Es ist ja sicher keine schlechte Idee, so ein Konzept mal zu testen und sich dann, wenn alle JA! schreien, sich auf das Schild heben zu lassen. Zumal der Ruf nach einer Standesvertretung ja auch kein ganz dummer ist, und Medien in einer Debatte auch Ansprechpartner wollen, die nicht nur der olle Nigge mit dem leeren Bildblogb├╝ro sind, der Meyer-Lucht mit dem M├Âchtegern-Huffpost und dem Problem beim Urheberrecht, der Grimmejury-Sixtus mit dem Grimmepreis, oder der Fassaden-Iro mit der Kohle eines Zensurproviders, sonden halt: Robin-Sascha Bunz v. Niggeschinkstegersdahl, Vorsitzender der Internetgewerkschaft Mittelalte Adabeis F├╝r Internet Angeberei M.A.F.I.A. e.V..

Aber wenn man sowas schon als Hintergedanken hat, kann man das auch mal zugeben.

Es gibt bei der ganzen Geschichte ├╝brigens zwei Arten von Kommunikation: Die offene, die im Internet spielt, und die Hintenrumdebatte, bei der gerade Risse sichtbar werden, man k├╝ndigt in der zweiten Reihe Freundschaften, man verucht, die Debatte in den Griff zu bekommen, und das alles hat meines Erachtens vor allem das Ziel, die nervige Diskussion auf den eigenen Seiten so kanalsisiert zu bekommen, dass man sie als konstruktive Kritik am eigenen Handeln verkaufen kann, dann in eine Suche nach einer gemeinsamen Plattform ├╝bergeht, die nicht so brutal zerpfl├╝ckt wird, und dann sagt: Hey, wie w├Ąre es mit einem Verein?

Ich weiss nicht, ob die noch so dreist sind, das jetzt noch zu versuchen, nachdem sich deutlich gezeigt hat, wie schlecht, wie qualit├Ątslos dieser Aufruf war. Ich k├Ânnte es mir trotzdem vorstellen. Ob das Ding dann von “dem Internet” legitimiert ist, oder als Witz gesehen wird, d├╝rfte den Machern dann egal sein, denn f├╝r die Medien und Talkshows und Jurys, denen man sich andient, ist das eher egal. Es gibt nicht mehr viele M├Âglichkeiten, so etwas anzustossen, denn nach 5 Jahren Bloggerei und Kommerzialisierungsversuchen der Beteiligten verschwinden langsam die sonstigen Optionen. Das, was man im Manifest vorstellt, hat man schon lange selbst eher erfolglos versucht. Und nachdem es als Journalist, Webunternehmer, Werbevermarkter. PRler und Politikberater nicht geklappt hat – bleibt einem immer noch der gute, deutsche Verbandsfunktion├Ąr.

Wenn es doch so weit kommen sollte: Ich wette, dass der Sixtus der designierte Chef von dem Ganzen sein wird.